BUNT UND 30

17.01.2018  |  Text: Cassidy Rose  |   Bilder: Vanessa Marie
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BUNT UND 30
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Viele junge Frauen fürchten sich vor dem 30. Geburtstag. Fünf bekannte Tattoomodels verraten, warum die Angst Quatsch ist – und was im dritten Lebensjahrzehnt alles besser wird.
Das vergangene Jahr war für mich sehr ereignisreich: Denn ich bin mittlerweile  zwar recht erwachsen – gelernte Veranstaltungskauffrau, TV-Redakteurin und Kolumnistin und arbeite seit 2012 zudem als Tattoomodel –, 2017 überschlugen sich aber dann doch die großen Ereignisse: Ich habe meinem Traummann im August das Ja-Wort gegeben. Und ich wurde kurz darauf dreißig Jahre alt. Für die Herren der Schöpfung vielleicht kein großes Ding, aber, liebe Männer, lasst euch sagen: Für uns Frauen hat die dreißig etwas Spezielles. Besonders, wenn man auch noch als Tattoomodel vor der Kamera steht.

Bereits Monate vor dem Tag hatte ich Angst vor ihm und vor dieser Zahl, die sich so furchtbar erwachsen anhört. Quälende Fragen kamen auf, etwa die, ob ich all meine Ziele erreicht habe, die ich mir mit Anfang zwanzig gesteckt hatte. Und ob mir diese Ziele überhaupt noch wichtig waren. Habe ich mittlerweile womöglich andere Prioritäten? Habe ich mich innerlich und äußerlich zum Besseren entwickelt? Wie sieht es mit meinen Falten aus? Muss ich zum Schönheits-Doc? Und wird’s nach der Hochzeit jetzt nicht ganz schnell Zeit für ein Haus, zwei Hunde und drei Kinder? Ich erkannte: Werte, Traditionen und Familie sind mir wichtig, aber mindestens genauso wichtig ist mir meine Selbstverwirklichung. Ich möchte weiter modeln, weiter reisen und mich weiterhin tätowieren lassen. Geht das mit Haus, Hund und Kind? Wie werden Tattoos am Bauch nach einer Schwangerschaft aussehen? Was ist wirklich wichtig im Leben? Habe ich bereits genug von der Welt gesehen? Fragen über Fragen und stechende Kopfschmerzen als Folge.

Da ich mir nicht vorstellen konnte, dass nur mich der dreißigste Geburtstag zum Grübeln brachte, verabredete ich mich im Dezember mit vier anderen »Ü30«-Tattoomodels zu einem gemütlichen Wellnesstag in Köln – inklusive Sauna, Badewanne, Obst und Sekt. Eine bunte Mädelsrunde: Wir lachten viel über alte Fotos, stöberten in unseren Veröffentlichungen und Erfolgen als Tattoomodels, quatschten über Schönheits-OPs und Falten, Kinder, Karriere, Tätowierungen und über unsere persönlichen Zukunftspläne.
 

Jess Daniels

Jess Daniels (35)
Gelernte Marketingassistentin, Tattoomodel seit 2014,
Moderatorin, auszubildende Mentaltrainerin


»Vor meinem dreißigsten Geburstag habe ich mich erst wahnsinnig verrückt gemacht, aber dann habe ich einfach extrem hart gefeiert. Alle, die dabei waren, werden diese Party niemals vergessen. Meine Jobanfragen wurden ab dreißig Jahren mehr, ich habe das Gefühl, mit steigendem Alter interessanter für Auftraggeber zu werden. Ich bin gelassener und selbstbewusster geworden, habe meinen Stil optimiert. Ich kleide mich sehr gerne sportlich. Schönheits-OPs finde ich super! Ich bin ein großer Fan von allem, was einen zusammenhält! Ich treibe gerne und viel Sport, esse tierleidfrei und trinke sehr viel Wasser, um mich jung und fit zu halten. Mein Tattoogeschmack ist gleich geblieben, ich mag bunte, mädchenhafte und positive Motive – gehe aber nicht mehr jeden Monat zum Tätowierer. So viermal im Jahr reicht mir mittlerweile vollkommen aus, ich mag den Schmerz einfach nicht. Ich erstelle jedes Jahr eine Zielcollage, damit ich meine Ziele und Träume besser fokussieren, angehen und erreichen kann. Mein Tipp: Vergleicht euch nicht mit anderen! Jeder bringt etwas ganz Besonderes mit und das ist genau das, was bei anderen gut ankommt und dich einzigartig macht!

Meine Ziele: Langfristig in der Medienwelt Fuß zu fassen, ein eigenes TV-Format umsetzen sowie als Coach für Persönlichkeitsentwicklung zu arbeiten. Ich wünsche mir ein helles Haus mit einem schönen Garten, einen treuen und romantischen Mann sowie einen roten Ford Mustang. Darauf arbeite ich hin!

Ich sage euch: Die 30 hat ganz zu Unrecht einen schlechten Ruf und tut überhaupt nicht weh!«
 

Alice La Douce: Die heute 31-Jährige bekommt nach wie vor viele Modelaufträge, auch aus dem Ausland

Alice La Douce (31)
Gelernte Friseurin, Tänzerin und Darstellerin, seit 2012 Tattoomodel


»Mein dreißigster Geburtstag war zuerst ein Problem für mich, ich habe mich auf einmal gefragt, wie mein Leben wohl weitergehen wird und was ich bisher erreicht habe. Habe ich schon ein Haus, einen Baum und einen Hund, dazu den passenden Mann? All diese Fragen drängten sich in meinem Kopf, lösten sich aber mit dem ersten alkoholischen Getränk auf meiner Feier in Schall und Rauch auf. Seitdem ich älter geworden bin, bekomme ich seriösere Jobangebote als Model und die Nachfrage hat, Gott sei Dank, nicht nachgelassen. Besonders freue ich mich immer auf Jobs im Ausland. So war ich schon als Model auf Conventions in Mailand, London, Istanbul und Rotterdam gebucht. Auch dieses Jahr stehen bereits viele Reisen und tolle Projekte an. Ich selbst habe noch keine einzige Schönheits-OP hinter mir und bin mittlerweile froh, dass ich das als meine Referenz nutzen kann. Wer weiß aber schon, wie ich das mit Ende dreißig sehen werde, meine Brüste fand ich schon immer zu klein. Aber ich nehme mich so, wie ich bin, zunächst! Meine Oma sagt immer ›Was einem schmeckt und gut tut, macht auch schön‹, und danach lebe ich. Um mich jung und fit zu halten, meditiere ich gerne und benutze jeden Abend Nivea-Creme. Meinen Stil würde ich mittlerweile als dunkel und elegant beschreiben, mit zwanzig und auch davor habe ich einfach alle Looks der Spice Girls einmal ausprobiert. Ich schäme mich aber nicht dafür, das gehört wohl zum Erwachsenwerden dazu: sich auszuprobieren. Auch mein Tattoogeschmack hat sich verändert: Mittlerweile liebe ich Black-and-Grey und realistische Motive mehr als je zuvor. Ich habe auch vor, mir meine bunten Old-School-Tattoos am Unterarm covern zu lassen. Zwar gehe ich immer zum Tätowierer, wenn ich Geld habe und derjenige Zeit, aber ich bin ein Jammerlappen geworden. Ich habe das Gefühl, der Schmerz wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Das kann aber auch daran liegen, dass ich nur noch die besonders schmerzhaften Stellen frei habe. Ich kümmere mich ganz spießig um meine private Altersvorsorge und wenn der richtige Mann vor der Tür stehen würde, könnte ich mir auch gut vorstellen, zu heiraten – so im weißen Kleid und mit Kutsche.

Man lernt sich mit den Lebensjahren immer besser kennen und weiß ganz klar, was man will und was nicht!«
 

Ginga Loco (li.) und Vicky Vamp (re.)

Ginga Loco (31)
Tätowiererin und Tattoomodel seit 2009

»Ich muss zugeben, dass ich vor meinem dreißigsten Geburtstag Angst hatte. Ich finde, das hört sich so reif und alt an, 30 zu sein. Ich fühle mich eher wie Anfang zwanzig und möchte weiterhin junggeblieben wirken und sein. Meinen dreißigsten Geburtstag habe ich dennoch gefeiert, obwohl ich Geburtstage eigentlich ungern feiere. Es war eine super coole Party und ich muss zugeben, dass sich für mich nichts außer der Zahl verändert hat. Mein Kleidungsstil ist rockig, schick und schwarz geblieben, ich werde wohl so lange Schwarz tragen, bis es eine dunklere Farbe gibt. Auch mein Tattoogeschmack ist gleich geblieben, ich renne nicht der Mode hinterher, sondern lasse mir immer das Motiv stechen, das mir persönlich gefällt. Früher war ich sehr häufig bei meinem Tätowierer, mittlerweile tätowiere ich lieber selbst. Zwar habe ich noch ein wenig Platz an meinem Körper, aber ich lasse mir für die letzten Stellen einfach mehr Zeit.

Ich habe eine sechsjährige Tochter, die hält mich jung und fit. Ich kann den Menschen nur raten, das Leben zu genießen und es nicht an sich vorbeiziehen zu lassen. Ein perfektes Alter, um Mutter zu werden, gibt es nicht, man muss es nehmen, wie es kommt, und glücklich damit sein. Ich genieße jeden Moment mit meiner Tochter, denn es gibt nichts Wichtigeres als das eigene Kind. Meine Tattoos am Bauch sahen nach der Schwangerschaft genauso aus wie vorher, ich habe zum Glück auch keine Schwangerschaftsstreifen oder Gewichtsprobleme nach der Geburt gehabt. Leider geht es aber nicht jeder Frau so wie mir. Ich habe in meiner Schwangerschaft sehr auf meine Ernährung und meine Figur geachtet und meinen Körper immer gut mit einem speziellen Öl eingecremt, um Dehnungsstreifen vorzubeugen. Weiter gemodelt hätte ich aber auch mit Dehnungsstreifen, das ist nur menschlich. Ich bekomme mein eigenes Tattoostudio ›Golden Cobra Tätowierungen‹ und meine Familie gut unter einen Hut, nur fehlt es mir oft an Zeit zur Ruhe zu kommen. Das Modeln macht mir bis heute sehr viel Spaß, ich habe an Selbstbewusstsein gewonnen und liebe es, in verschiedene Rollen zu schlüpfen und mich zu schminken. Leider empfinde ich es so, dass stark tätowierte Frauen im Alltag immer noch schräg angeschaut werden. Bei Männern scheint es geduldeter zu sein, das finde ich schade. Ich habe mich aber noch nie für meine Tattoos geschämt und das werde ich auch nie!

Genießt euer Leben, denn ihr habt nur das eine. Und nehmt die 30 auf gar keinen Fall zu ernst!«
 

Vicky Vamp (31)
Fachkraft im sozialen Bereich und seit 2010 nebenbei Tattoomodel

»Mein dreißigster Geburtstag war überhaupt kein Problem für mich. Ich bin in einer sehr glücklichen Beziehung, die mir einfach das erste Mal das Gefühl gibt, zuhause zu sein und ich endlich einfach ich sein kann. Es gibt zwar bestimmt Schöneres im Leben, als älter zu werden, aber das gehört dazu und man muss lernen, damit umzugehen. Für mich kommt es nicht in Frage, mein ›Altern‹ chirurgisch oder kosmetisch zu ›stoppen‹. Ich möchte gerne Kinder, wenn die Umstände passen, lasse mich da aber im Bezug auf mein Alter nicht unter Druck setzen. Ich denke, ab dreißig Jahren Kinder zu bekommen, ist mittlerweile ganz normal geworden.

Ich habe Bedenken, wie mein großes Bauchtattoo nach einer Schwangerschaft aussehen könnte, hoffe aber einfach, Glück zu haben. Ich denke nicht, dass man sich zwischen Karriere und Familie entscheiden muss. In meinem Hauptjob wäre ein Kind kein Karrierestopper und aufs Modeln bezogen ist das einfach eine persönliche Entscheidung. Mir geht es so, dass ich, seitdem ich dreißig wurde, nicht mehr alles trage und mich erwachsener kleide. Gerade im Beruf möchte ich ernst genommen werden und denke praktisch. Auch mein Tattoogeschmack hat sich verändert: Früher war er sehr bunt, mittlerweile ist er dezenter und nicht mehr so niedlich. Ich habe nicht mehr das Verlangen, mich alle zwei Monate tätowieren zu lassen, und liege nur noch selten unter der Nadel. Und: Wie habe ich bloß früher den Schmerz ausgehalten? Modeljobs mache ich nicht mehr so viele, ich lehne viele ab und mache wirklich nur noch die, an denen ich Spaß habe. Ich habe gelernt, auch mal ›Nein‹ zu sagen. Mein Beruf und meine Beziehung sowie unsere Hunde haben Vorrang.

Ich bin froh, über dreißig zu sein. Ich habe mich beruflich verwirklicht und mich selbst gefunden. Ich bin jetzt zufriedener mit mir.«
 

Autorin Cassidy Rose: Inzwischen ist auf der früher blanken Haut kaum noch eine freie Stelle zu erkennen

Und ich, Cassidy, bin nach meinem Geburtstag und nach dem Tag mit diesen unglaublich tollen Frauen ebenfalls zu Antworten gekommen: Das Wichtigste im Leben sind die geliebten Menschen, die dich umgeben. Genieße so viel Zeit mit ihnen wie möglich. Ich liebe meinen Ehemann, unsere Hochzeit war der bisher schönste Tag in meinem Leben. Wir werden ein  Haus bauen, wenn der richtige Moment dafür gekommen ist. Oder wir kaufen einfach einen Wohnwagen und bereisen die Welt. Egal, für was man sich entscheidet, der Bauch wird einem schon sagen, wann es dafür so weit ist. Karriere ist toll und für viele wichtig, aber hetze deinen Körper und deinen Geist nicht zu sehr. Gönne dir auch mal Ruhepausen. Gib deinen Hobbys und Interessen genug Raum und, wenn möglich, versuche sie zu deinem Beruf zu machen. Denn ein Job, der Spaß macht, ist keine Arbeit und du wirst automatisch gut sein in dem, was du tust. Tattoo- und Alternativmodelle können vielleicht sogar länger als »normale« Fashionmodelle vor der Kamera arbeiten, denn wir sind Charakterköpfe und werden heutzutage immer interessanter für die Werbewirtschaft. Aber, bitte Mädels, macht nicht alles für »Likes« und für »Follower« auf Instagram, lernt auch »Nein« zu sagen.

Ich habe meinen eigenen Stil gefunden, habe zwischen zwanzig und dreißig viel dafür getan, meinen Körper und mein Äußeres für mich zu optimieren. Ich werde auch mit ersten Fältchen weiterhin vor der Kamera stehen und wenn sie mich irgendwann persönlich zu sehr stören, werde ich mich nicht scheuen, etwas dagegen zu unternehmen. Wir leben in einer modernen Gesellschaft und brauchen uns nicht mehr unter Druck setzen zu lassen, denn es ist unsere Entscheidung, wie wir leben wollen. Ich werde auch nicht aufhören, mich tätowieren zu lassen, bis ich »voll« bin, denn das ist mein persönliches Schönheitsideal – aber ich darf mir dafür auch Zeit lassen, wenn ich das möchte!
Die 30 hat mir vor Augen geführt, was ich schon alles erreicht und erlebt habe, ob positiv oder negativ. Aus Fehlern habe ich gelernt, dass sie bereinigen können. Ich weiß genau, was so toll ist an meinem Leben. Ich freue mich auf die nächsten dreißig bunten Jahre.



 
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Stand:22 May 2018 11:46:55/editorial/bunt+und+30_18116.html