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26.05.2017  |  Text: Jules Kay  |   Bilder: Constant Evolution, Samir Novotny, Jean-Claude Mpassy
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Fashion-Blogger Ilja Jay: »Ich verkaufe keine Scheinwelt«


»Ich verkaufe keine Scheinwelt, ich teile mein richtiges Leben mit der Öffentlichkeit«: Das ist es, was einen der momentan erfolgreichsten männlichen Blogger ausmacht – Ilja Jay aus Wien.


Jay, du machst gerade deinen Masterdegree in Management. Ist das gut dafür, um als Blogger erfolgreich zu werden oder reichen guter Stil und eine Kamera?
Eine Kamera, guter Stil und die richtige Idee würden prinzipiell reichen, ja. Ich sehe meine Ausbildung dennoch als mein persönliches Goodie. Nicht nur in Bezug auf das Bloggen, sondern auch, was meine anderen Projekte betrifft. Ich habe so einfach immer einen theoretischen Bezug zu dem, was ich in der Praxis mache. Natürlich lassen sich Uni und Arbeit zeitlich ab und zu schwer verbinden, aber da Job und Ausbildung quasi dieselbe Branche sind, verfließt beides dann oft auch wieder ineinander.

Auf deiner Webseite findet man unter anderem die typischen Blog-Kategorien wie Fashion, Lifestyle und Travel. Was macht deinen Blog zu etwas Besonderem?
Das wäre definitiv der Bezug zu realen Projekten beziehungsweise zur Realität an sich. Für viele ist die Bloggerwelt eine sehr verführerische. Die vielen Reisen, bezahlte Kooperationen und so weiter. Es ist sicher ein sehr interessantes Leben, aber oftmals fehlt vielen Bloggern der Bezug zum Realen. Da das Bloggen aber nicht meine Haupttätigkeit ist – ich bin ja noch in vielen Projekten selbstständig tätig –, ist der Mehrwert, den ich bieten kann, der, dass ich keine Scheinwelt verkaufe. Ich teile mein wirkliches Leben mit der Öffentlichkeit.  

Denkst du, man kann Mode »lernen«? Wird Stil in die Wiege gelegt?
Stil heißt für mich persönlich, dass man sich selbst kennt. Dass man weiß, wer man ist und was einem gefällt. Im besten Fall auch, was einem steht. Natürlich bedarf das eines bestimmten Grundverständnisses von Mode. Umso mehr etwas deiner Figur und deinem Charakter schmeichelt, desto besser und authentischer kann man es natürlich auch verkörpern. Trends zu recherchieren oder Modeschulen zu besuchen, ist in Bezug auf das Erlernen von Stil sicher hilfreich, aber im besten Fall ist es meiner Meinung nach immer noch ein Zusammenspiel aus Recherche, Authentizität, Inspiration und dem gewissen Etwas.

Stilsicherheit ist ein Zusammenspiel aus Recherche, Authentizität, Inspiration und dem gewissen Etwas

Wann wurde aus »Ich poste Fotos zum Spaß« der Entschluss, Blogger zu werden?
Rückwirkend betrachtet, ist das schwer zu sagen. Ich denke aber, dass es ab dem Zeitpunkt war, an dem die Bildsprache beziehungsweise die Komposition für Unternehmen interessant wurde. Das passiert beim einen schneller und beim anderen langsamer. Bei manchen gar nicht. Es ist daher nicht nur wichtig, Bilder schön in Szene setzen zu können, sondern auch, dass sie eine Art Story erzählen. Natürlich sind nicht alle Firmen auf mich zugegangen. Dank meines Modelabels TrueYou war ich in der heimischen Medienbranche schon stark vertreten, was mir sicher einige Vorteile verschafft hat, beziehungsweise es war so ein »leichteres Hin- und Herschießen der Kontakte«.

Zusammen mit einigen Freunden betreibst du auch das Mode­l­abel TrueYou. Gegründet wurde es in einer Zeit, in der in Wien viele kleine Labels aus dem Boden geschossen sind. Die meisten sind mittlerweile wieder Geschichte. Wie habt ihr im Fashionbusiness überlebt?
Ich denke, das Wichtigste war, dass wir das Ganze nicht als reines Modelabel gesehen haben. Das beginnt schon dabei, dass keiner in unserem Team Mode studiert hat, weshalb wir das Ganze eher sehr wirtschaftlich angegangen sind. Wir haben eine Marke kreiert und Mode nur als Mittel zum Zweck benutzt, um an unsere Zielgruppe zu gelangen. Der Gedanke, die Message, der Lifestyle und die Bewegung dahinter standen dabei aber immer im Vordergrund: »TrueYou, sei du selbst. Sei dir selbst treu. Wer möchtest du wirklich sein und das ohne jegliche Hemmungen?« Diese Message ist es, was sich nicht nur an modische Produkte knüpfen lässt, sondern auch an Veranstaltungen oder Gruppierungen. Wir haben darauf geachtet nicht nur Produkte an sich zu produzieren, sondern wir wollten eine Community aufbauen.

Bist du käuflich? Sprich, würdest du, wenn das Geld stimmt, auch für etwas Werbung machen, hinter dem du nicht zu 100 Prozent stehst?
Ich habe ein sehr passendes Beispiel: Kaffee. Ich habe noch nie Kaffee getrunken und werde auch nie damit anfangen. Natürlich sind Blogger gerade für einige Kaffeefirmen durchaus interessant, aber hier einer Kooperation zuzustimmen, wäre einfach nicht authentisch. Das könnte ich nicht. Da das Bloggen auch nicht meine Haupteinnahmequelle ist, sprich, ich von bezahlten Kooperationen nicht abhängig bin, habe ich vielleicht den Luxus, gut bezahlte, aber nicht authentische Angeboten ablehnen zu können. Ich kann aber nicht sagen, wie die Sache aussehen würde, wenn ich alles mit dem Bloggen finanzieren müsste. Hier würde man sicher öfter überlegen beziehungsweise einen Weg finden, dass die Kooperation doch zu einem selbst passt.

Weiblichen Modebloggerinnen wird oft vorgeworfen, sie teilten lediglich ein- und denselben Stil. Wie siehst du das?
Ich habe mir vor kurzem ein Seminar angesehen, in dem ich einen sehr interessanten Satz gehört habe: »Man selbst ist immer der Durchschnitt der fünf Leute, mit denen man am meisten Zeit verbringt oder mit denen man sich am meisten befasst.« Das wirft ein ziemlich spannendes Licht auf das Thema, wenn man bedenkt, wie klein unsere heimische Bloggerwelt ist. Das macht das Ganze leichter verständlich. Da all diese Blogger in derselben Community miteinander zu tun haben, miteinander reisen, arbeiten und so weiter, ist es nur eine logische Schlussfolgerung, dass sich ihre Stile aufeinander abstimmen oder sie abfärben. Das ist unabhängig von der Größe des Landes wohl überall so. Es fällt in kleineren Metropolen nur schneller und stärker auf, dass viele ein und denselben Stil teilen.

Als Blogger ist man fast schon dazu verpflichtet, sein Leben mit der Öffentlichkeit zu teilen. Das heißt: posten, posten, posten. Ist es anstrengend, jede Minute seines Alltags auf Social-Media-Portalen zu teilen? Oder gehört das schon dazu, wie das morgendliche Zähneputzen?
Also, prinzipiell kann man sagen, dass es fast schon Routine ist. Aber weil ich mit meinem Hauptgeschäft und dem, was ich sonst mache, sehr eingespannt bin, gibt es immer so Peaks, wenn zum Beispiel gerade Fashion Week ist oder ein Follower-Event. Aber man hat es natürlich auch ein wenig automatisiert, weil du trägst Sachen, die dir gefallen und dann fällt es dir auch leichter, spontan schnell ein Streetstyle-Foto zu machen.

Wenn man dich einen Monat auf einer einsamen Insel aussetzen würde – würdest du eher dein Handy und deinen Laptop mitnehmen oder eher Musik und Sonnenbrille?
Handy und Laptop.

Wirklich? Nicht einen Monat Ruhe? Ich hole dich nach einem Monat ab.
Nein, ich bin jemand, wenn ich zu lange Urlaub mache, wird mir langweilig. Du könntest mir ein Buch mitgeben und etwas zum Schreiben, dann würde ich auf den Laptop verzichten. Aber ich bräuchte irgendetwas zu tun. Zum Recherchieren, um Gedanken niederzuschreiben, Ideen und so etwas, weil mir vom Nichtstun langweilig wird.

Da dieses Magazin ja von vielen Männern gelesen wird: Gibt es etwas, was du ihnen im Bezug auf Mode, Stil, Trends und so weiter gern mitteilen möchtest? Was braucht der Mann unbedingt in diesem Sommer?
Obwohl ich meinen Stil als sehr Streetstyle-lastig beschreiben würde, bin ich – vor allem im Sommer – ein Fan eleganter Kleidung. Weil man darin einfach auch nicht so extrem schwitzt, ich sage mal, ein Sommeranzug, ein Leinenstoff, das ist im Urlaub sehr schön. Und ich finde, dass ein schicker Anzug, der gut steht, einfach ein Must-have ist. Egal, zu welcher Jahreszeit.

Kann jeder tragen?
Kann jeder tragen, wenn er sich damit auseinandersetzt, was geht und was nicht.

Und was geht gar nicht?
Ich bin persönlich absolut kein Fan von Poloshirts, aber das ist nur persönlicher Geschmack, weil ich denke, dass das es einem ein bisschen zu leicht macht. Das trägt man, das sieht dann meistens okay aus, und ich finde, dass da zu wenig individuelle Note drin ist.

Ilja Jay hat mit seinem Blog »Way of Jay« seinen ganz eigenen Weg gefunden. Ilja tingelt von einem Event zum nächsten, schmeißt nebenbei noch den Fashion Store seines Modelabels TrueYou oder gründet mal eben eine Networking-Plattform für junge Kreative. http://iljajay.com

Text: Jules Kay
Bilder: Constant Evolution, Samir Novotny, Jean-Claude Mpassy

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Stand:23 October 2017 00:51:08/editorial/fashion+blog+the+way+of+jay++ich+verkaufe++keine+scheinwelt_175.html