Fashion, Sex-Appeal und Schönheit

16.03.2018  |  Text: Boris Glatthaar  |   Bilder: Mohammad Gharavi
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Fashion, Sex-Appeal und Schönheit
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Glamouröse Fashion-Fotografie mit einem Hauch sexy Style und Fokus auf der Schönheit des Models: Das macht die Fotos von Mohammad Gharavi aus. Die Geschichte eines fotografischen Shootingstars im Aufwind.
Wer Mohammad Gharavi auf Fotos sieht, vermutet in ihm wohl nicht direkt einen Mann der Künste. Folgt man gängigen Klischees, könnte er mit seinen gestählten Armen, dem rasierten Kopf und einem gepflegten Dreitagebart zwar gut und gern für ein Fitnessstudio modeln – aber ein Feingeist? Ein kreativer Kopf mit Gespür für die Details der Ästhetik? Auch das. Denn »Mo«, wie sich Mohammad selbst nennt, achtet nicht nur auf seinen eigenen Körper, sondern vor allem auf die von anderen Menschen: Er fotografiert schöne Frauen. Inzwischen machen seine Fotos Furore, seine Bildsprache ist beinahe unverwechselbar. Aber der Reihe nach.

Als Mohammad bemerkte, dass sein Herz viel zu heftig für kreative Entfaltung pocht, als dass er das weiterhin ignorieren könnte, lebte er noch in Iran. In diesem innerlich zerrissenen Land zwischen fortschrittlicher Moderne und religiösem Fundamentalismus wuchs er in den 1980er und 1990er Jahren auf, in den 2000ern studierte er Naturwissenschaften in der Hauptstadt Teheran. »Aber das war nicht mein Ding, ich wollte einfach viel lieber etwas mit Kunst und Mode machen, daran hatte ich als Kind schon Freude«, sagt Mohammad. »Und ich wusste, dass ich dafür in Iran nicht die Möglichkeiten haben würde, die sich mir in anderen Ländern bieten könnten.« Vor knapp zehn Jahren folgte er schließlich seinen Eltern nach Deutschland und ließ sich in der niedersächsischen Region Oldenburg nieder.

Das Foto zeigt das argentinische Model Cami Romero beim Shooting mit Mohammad in Dubai

Mo heuerte in der Automobilindustrie an. Mit seiner Hochschulausbildung und persönlicher Zielstrebigkeit fand er gut einen Job. Doch für ihn war klar, dass ihm der Beruf vor allem ermöglichen sollte, seine Leidenschaft auszuleben. So begann er schnell, seine Fühler nach künstlerischer Betätigung auszustrecken, und ahnte nach einiger Zeit, er könne in der Fotografie heimisch werden. Mo war ergriffen davon, wie die großen Fotografen in ihren Werken sinnlichste Momente festhielten, wie elegant die Models in High-Fashion-Publikationen wirkten und wie bildgewaltig menschliche Schönheit aus meisterhaft inszenierten Frauenporträts strahlen konnte. Anstatt sich aber einfach eine Kamera zu kaufen und wild drauflos zu knipsen, zog sich Mo im Jahr 2010 zunächst mit den Werken einiger künstlerischer Vorbilder, zahlreichen Lehrbüchern und unendlich vielen Video-Tutorials zurück und lernte stoisch all das, was er wissen wollte. Erst ein Jahr später kaufte er sich dann auch eine Kamera. »Ich habe dann wiederum erst einmal ein Jahr lang alles genau so gemacht, wie es die guten Fotografen tun, ohne selbst zu experimentieren«, sagt der Autodidakt. Vor allem Alexander Heinrichs sei ihm eine Hilfe gewesen: Von dem Fotografen und dessen Videos habe er nicht nur viel über fotografische Techniken erfahren, sondern auch über die nötige Ausrüstung zur Umsetzung seiner Ideen.

Die kamen ihm damals schon »einfach so«. Wenn er faszinierende Modestücke sah oder schönen Frauen begegnete, spürte er sofort, wie er beides vor der Kamera einsetzen wollte. Eine geheimnisvolle Inspiration, die Mo bis heute ereilt. Durch die so intuitive wie akribische Auswahl von Protagonistin, Styling, Hair, Make-up, Location und Set-up stellt er mit künstlerischer Eingebung wichtige Weichen für das Motiv, das Shooting selbst ist dann eher spontan. Solcherlei Intuition ist für Mo eine Gabe, die er selbst nicht greifen kann. Aber er weiß: »Das Wichtigste für ein gutes Foto sind das perfekte Model und das passende Styling.« Er achte sehr darauf, nur die zu wählen, die aus seiner Sicht zu den Schönsten zählen – und vor der Kamera gut funktionieren. Daher arbeite er zumeist mit professionellen Models von Top-Agenturen. Wer vor der Kamera unerfahren ist, aber auf ihn stark und für sein Projekt passend wirkt, hat dennoch Chancen: Immerhin scoutete Mo die ersten Models für seine anfängliche Studiofotografie auf der Straße in Oldenburg und weiß, dass es auch unentdeckte Talente gibt.

Melinda London in Hamburg

»Ein Schwerpunkt meiner Arbeit, an dem ich sehr viel Freude habe, ist das Fotografieren für Set-Cards«, sagt Mo. Im Auftrag von Agenturen fliegt er oft zu entfernten Locations – meist in die Sonne – und shootet aufstrebende Models für ihre Präsentationsmappen. Aber auch Magazinveröffentlichungen und Fashion-Fotografie für die Werbung gehören in das Portfolio des 36-Jährigen; unter anderem hat er kürzlich für eine Kampagne der Sportbekleidungsmarke Fila fotografiert und ist seit rund zwei Jahren als Fotograf bei der Wahl zur Miss Germany im Einsatz – jüngst vor wenigen Wochen. Das klingt nach Spaß, ist tatsächlich aber ebenso Arbeit: Insbesondere die Vorbereitungen – ein Make-up-Artist ist beim Shooting immer dabei, meist Bita Zand aus Oldenburg – und die Nachbearbeitung der Fotos gehören zu den aufwendigen Teilen seiner Produktionen. »Früher habe ich ein Foto viele Stunden lang nachbearbeitet«, sagt Mo, der sich auch die professionelle Hautretusche selbst beigebracht hat. »Inzwischen bin ich da sehr viel schneller.« Bei einem, der sich im Nebenjob zum fotografischen Shootingstar entwickelt hat, ist Effizienz eben auch ein Thema.

Dass Mo derzeit besonders gefragt ist, liegt vor allem an seinem eigenen Stil, den er in den vergangenen Jahren intensiv ausgeprägt hat: Der Look seiner Fotos erinnert unverkennbar an den Glamour, die Eleganz und die Klarheit in der etablierten Haute-Couture-Fotografie. Doch anstelle einer Erhabenheit des Mannequins tritt in Mos Fotos ein Hauch von Sexyness, der gerade stark genug ist, um den Betrachter zu triggern, aber noch so dezent, dass er auch in prüdester Atmosphäre nicht aufdringlich wirkt. Und anders als in vielen Modekampagnen zu sehen, tritt das Model gegenüber der Kleidung nicht in den Hintergrund, sondern bereichert das Gesamtmotiv mit der gewollt nach vorn gespielten Betonung seiner eigenen Schönheit. »Ich weise das Model immer nur leicht an«, sagt der Künstler. »Ich will vor allem, dass es beim Shooting selbst so locker wie möglich zugeht, dass die Posen geradezu automatisch passieren, dass das Model aus sich herauskommt.« Doch nicht nur eine starke Rolle der Person vor der Kamera erklärt den Erfolg der Werke. Vielmehr spricht er dadurch, dass er stilistisch zwar an die Bildsprache der High-Fashion-Fotografie andockt, tatsächlich aber oft junge Frauen in Sports- und Streetwear zeigt, erlebnisorientierte Menschen unter dreißig  gleichermaßen an wie statusbewusste ältere Zielgruppen. Denn so schlagen die Fotos für jüngere wie ältere Betrachter die Brücke aus der eigenen Lebensrealität in eine Welt der Sehnsucht und Träume. Auf der einen Seite gravitätischer Luxus. Auf der anderen die jugendliche Leichtigkeit. Und dazwischen immer ein ein bisschen Sex-Appeal.

 
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Stand:22 May 2018 11:36:15/editorial/fashion+sex-appeal+und+schoenheit_18313.html