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31.03.2017  |  Text: Boris Glatthaar  |   Bilder: Jeean Alvarez
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Fotografenporträt JEEAN ALVAREZ - Wandler zwischen den Welten


In seinen Werken zeigt der Fotograf Jeean Alvarez luxuriöse Erotik. Für sich selbst mag er es puristischer – und gibt sein Geld lieber dafür aus, immer beeindruckendere Fotokunst für ein stetig wachsendes Publikum zu erschaffen.


Die beiden Welten des Jeean Alvarez liegen Lichtjahre auseinander. In der einen gibt es exotische Palmen, sonnige Strände, luxuriöse Mittelmeervillen und makellose Frauenkörper in edler Designerkleidung, kostbarer Lingerie oder schönster Nacktheit. Doch während diese Welt inszeniert ist, aus feinsten Locations und erlesenen Models für Fotos von exquisiter Sinnlichkeit besteht, ist die andere echt: Sie kennt Orte wie das »Konsumreform«, ein soziales Mehrgenerationenhaus in der Essener Innenstadt, das nicht nur etliche WG-Zimmer bietet, sondern auch einen Trödelmarkt, einen Coworking-Space und ein faires Café mit zusammengewürfelten Second-Hand-Möbeln. Es ist nicht weit von Jeeans Wohnung in der City entfernt und er ist gern hier. »Privat brauche ich überhaupt keinen Luxus«, sagt der Fotograf. »Ich habe nicht einmal ein neues Auto, weil ich keins will. Das, was ich in meinen Fotos zeige, das ist so wie bei einem Maserati: Ich finde den schön anzusehen, möchte aber keinen haben.«

In der echten Welt stört es den 31-Jährigen nicht, dass ihm der Kakao auch bei zweiter Zubereitung mit viel zu flüssigem Sahnetopping über den Selbstbedienungstresen gereicht wird. »Was allerdings meine Fotos angeht, da bin ich absoluter Perfektionist«, sagt er. Bewusst wählt Jeean nur die attraktivsten Models für seine Fotos, er hat schon Pay-Jobs abgelehnt, weil ihm das Fotomodell nicht zusagte. Und er nutzt stets »die bestmögliche Location für ein Projekt – auch wenn die im entlegensten Winkel Europas ist«. Dass er auch die Auswahl des Outfits und die Entscheidung über das Posing weder dem Zufall noch dem Mannequin überlässt, versteht sich da schon von selbst. »Das ästhetischste Foto ist einfach das beste Aushängeschild für mich«, sagt Jeean. Er geht sogar so weit, dass er auf seiner Webseite ausschließlich eine Auswahl seiner neuesten Werke aus den Bereichen People, Fashion, Lingerie und Lifestyle zeigt, kein Foto ist älter als ein Jahr.

Was wie Pedanterie erscheint, ist tatsächlich Zielstrebigkeit. Jeean weiß, wohin er will, und dass er dafür ordentlich liefern muss. Und zwar regelmäßig und immer besser. Er schaut sich oft und intensiv die Arbeiten anderer erstklassiger Fotografen an, meist sind es amerikanische, und lernt von ihnen. Immer kritisch mit sich selbst, analysiert er seine Schwächen und arbeitet so lange daran, bis er zufrieden ist. »Man darf nicht stehenbleiben. Erfolg hat man nur durch seine eigene Haltung, wenn man konstant gute Leistung bringen will. Und die kann man nur bringen, wenn man immer weiter versucht sich zu verbessern.« Bei einem Profifußballer sei das ja auch so: Nur, weil er heute der Beste sei, heiße das noch lange nicht, dass er es in einem Jahr immer noch sei, wenn er dafür nicht hart trainiere.

Als selbstständiger Topfotograf mit einem sehr hohen Anspruch verfeinert der Essener daher beharrlich seine Kernkompetenzen, etwa die Arbeit mit Kameratechnik und Licht. Darüber hinaus legt er aber auch absoluten Wert darauf, andere Bereiche seines Business meisterhaft zu beherrschen. Schließlich müsse er als Chef seines Einmannunternehmens mit hohem Qualitätsversprechen auch als Location-Scout, Bildbearbeiter, Vermarkter und in zahlreichen weiteren Rollen brillieren, um erstens exklusive Bildergebnisse und zweitens Bekanntheit zu erreichen. Auf die ständige Verbesserung seiner Selbstvermarktung etwa verwendet Jeean deshalb viel Energie, weil er der Ansicht ist, dass »die tollsten Fotos nichts bringen, wenn sie keiner kennt, aber viele Fotografen diesen Aspekt ihrer Arbeit vernachlässigen«. Der Essener kann das nicht verstehen, denn es sei doch eigentlich einfach: Ein Künstler verlange immer nach größtem Publikum.

Tatsächlich ist es sein Ziel, so vielen Menschen wie möglich sein Werk zu zeigen, am besten weltweit. »Je mehr Leute meine Kunst sehen, desto glücklicher bin ich«, sagt Jeean. Das Geldverdienen sei dabei nur ein schöner Nebeneffekt, denn er wolle mit seiner Verlobten und den beiden Söhnen lediglich sorgenfrei leben. Reichtum hingegen würde er ohnehin nur für Shooting-Locations in fernen Ländern und ein Studio nutzen, das viel größer wäre als sein bisheriges.

Auf seinem Weg, möglichst vielen Menschen seine beachtlich klaren Fotos zu zeigen, ist Jeean inzwischen weit gekommen. Er hat einen Bildband in Planung und zahlreiche Models und Fans tragen die bestickten Caps und bedruckten T-Shirts aus seiner kleinen Streetwear-Kollektion. Er hat bereits sechsmal für den deutschen Playboy fotografiert, einmal sogar das Cover der TATTOO EROTICA geshootet. Bemerkenswert ist das insbesondere vor dem Hintergrund, dass Jeean sich ausdrücklich nicht als Akt- oder Erotikfotograf begreift, sondern sich selbst fachlich in den Genres Fashion, Lingerie und Lifestyle verortet. Dass beide Männermagazine trotzdem immer wieder seine Fotografien zeigen, liegt erstens daran, dass Jeeans besonders geschmackvolle Bildsprache zum hochwertigen Stil beider Titel passt. Zweitens beinhalten seine Fotostrecken trotz aller professioneller Merkmale brillanter Fashion-, Lingerie- oder Lifestylefotografie auch ausreichend Nacktheit, um in den Premium-Herrenpublikationen ihre selbstverständliche Berechtigung als Nude-Veröffentlichung zu haben.

Sinnliche Fotos sind sein Metier, seitdem er so richtig mit dem Fotografieren begann: »Mein Glück war, dass ich anfangs schon viele Frauen kannte, die sehr gut aussahen. Ich habe sie einfach gefragt, ob sie Bock hätten, sich von mir fotografieren zu lassen. Die Ergebnisse waren eigentlich schon ziemlich gut.« Manche sogar besser als die von Fotografen, die schon seit zehn Jahren dabei waren. Der Grund dafür: »Ich hatte damals wenig Ahnung, aber genügend Inspiration.« 

Text: Boris Glatthaar
Bilder: Jeean Alvarez

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