Meine erste Fetisch-Party

31.03.2017  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Bolli Hotshots und Boris Glatthaar
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Meine erste Fetisch-Party
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Wie geht es auf einer Fetisch- Party zu? Welche Menschen gehen dorthin? Wie wild treiben sie es? Oder sind sie viel spießiger als gedacht? Bei der außerge­wöhnlichen Partyreihe »Kinky Beats« für Latex-Liebhaber in Köln hat TATTOO-EROTICA-Redakteurin Jula Antworten gesucht – und gefunden. Zuvor musste für sie aber das passende Outfit her …
Wie bereitet man sich darauf vor, für eine Nacht zu ganz neuen Ufern vorzudringen und sich als kompletter Neuling – und vor allem »Szenefremdling« – unters Volk einer Latex-Fetischparty zu mischen? Ich weiß darauf keine Antwort und entscheide, mich einfach treiben zu lassen.

Angesteckt und neugierig gemacht von Cassidy Roses Schilderungen über ihre Erlebnisse in der Fetischwelt (TATTOO EROTICA Nr. 31), will ich mir das unbedingt näher anschauen. Zugegeben, zwei Dinge machen mir das verrückte Vorhaben leichter: Erstens habe ich durch meinen Beruf, dessen Grundlage Neugier ist, eine simple Legitimation für diese Erfahrung. Und zweitens finde ich in Cassidy Rose eine perfekte Begleitung, die mich an die Hand nehmen kann.
 
Ich halte Wort und finde mich an einem Tag im Januar zur besten Mittagszeit in einer Kölner Boutique mit dem klangvollen Namen »Kinky-a-fair« ein. Dort treffe ich mich mit Alternativemodel Cassidy, die Kami Zero im Schlepptau hat. Er ist eine Hair-und-Make-up-Koryphäe, die mir später noch ein ganz besonders effektvolles Styling verpassen soll. Ganz recht: das volle Programm. Denn ich weiß, es gibt nur einen Weg, wie ich den Abend ohne Schamesröte und nervöse Übersprungshandlungen halbwegs cool überleben werde: Mit einem atemberaubenden Look, bei dem alles passt. Das war schließlich schon meine Strategie bei Stufenpartys, Vorstellungsgesprächen und anderen wichtigen Dates.

Durch Cassidys Erfahrungsbericht weiß ich, dass ich wohl Hilfe beim Anziehen benötigen werde. Dass ich mich fast täglich in tighte Sportleggins werfe, hilft mir hier nicht. Latex spielt in einer anderen Liga. Ob das überhaupt über meinen karadashianesquen Hintern passt? Meine Maße habe ich Cassidy und Boutiquebetreiberin Sue vorsichtshalber schon vorher gegeben und sie versichern mir, sie seien vorbereitet – mit einem speziellen Gleitmittel, vereinten Kräften und diversen Outfits. Nun ist es an der Zeit, Berührungsängste zu verbannen, denn unter Latexkleidung ziehst du keine Unterwäsche an. Außerdem habe ich Angst, mit meinen spitzen Fingernägeln die teuren Fetzen zu ruinieren. Also lasse ich mich anziehen – was bleibt mir auch anderes übrig? Würde ich nicht völlig nackt dastehen und wäre ich nicht am ganzen Körper ordentlich eingeölt, ich würde mich wie eine Prinzessin fühlen.

Der Popo sprengt das Outfit
 
Also los, bring it on: Kleid Nummer eins ist ein tief ausgeschnittenes schwarzes Neckholder-Teil. Cassidy legt sich echt ins Zeug und es sieht von vorn im Spiegel betrachtet alles vielversprechend aus. Doch mein Popöchen sprengt das Outfit und laut lachend streifen wir es ab. Zweiter Versuch, neues Glück: Das Kleid mit den transparenten Einsätzen passt, legt vorn allerdings auch komplett meine goldene Mitte frei – ein Einblick, den ich an diesem Abend niemandem gewähren will. Shopqueen Sue – zugleich Initiatorin und Veranstalterin der »Kinky Beats«-Party – hat die Lösung parat: ein supersexy hautenges Kleid, das zwar hochgeschlossen und knielang daherkommt, mich aber nicht mit Reizen geizen lässt. Als hätte man es mir direkt auf den Leib gesprüht, sitzt es wie angegossen. Und eins kann ich beschwören: Latex ist ein Figurwunder. Es pusht, hält zusammen, setzt in Szene – das Outfit ist gefunden und ich bin schweineglücklich. Und einfach nur neugierig, wie es sein wird, damit Party zu machen.


TE-Redakteurin Jula beim Einkleiden.
 
Nun darf Kami ran. Da ich zum Kleid auch eine abgefahrene Maske ausführen und präsentieren darf, die aus den Händen des Hamburger Designers Jaded Jewall stammt, brauche ich viel Farbe und Mörder-Wimpern – eine von Kamis leichtesten Übungen. Die Maske hat es in sich: transparenter Kunststoff in Neonpink, der ein Katzengesicht mimt, versehen mit ultrascharfen Stahlspitzen, die Schnurrhaare darstellen. Mein Schlachtplan, auf der Party einen Wahnsinnslook zu präsentieren, scheint voll aufzugehen – auch wenn ich noch nie so etwas auf meinem Körper gespürt, noch nie eine Fetischmaske getragen habe und niemals zuvor so krass geschminkt war, fühle ich mich sauwohl. Sich in die Hände von Szenekennern zu begeben, entpuppt sich als vortreffliche Entscheidung. Wir begießen den Erfolg mit Prosecco. Dann trennen sich unsere Wege bis zur Party am Abend. Die Latexkleidung soll ich erst dann wieder anziehen, aber ich bleibe geschminkt, was den Check-in im Hotel zu einer Reifeprüfung macht. Die krasse Schminke bringt mir unvergessliche Blicke des Hotelpersonals ein (s. S. 118). Ich nutze die Zeit bis zur Party zum Verschnaufen und dazu, das abgöttische Make-up zu bewundern und aufkeimende Nervosität sofort wieder abzubauen. Dann noch einen fetten Burger mit Pommes und es geht zur Kinky Beats im Kölner Club »e-feld«.

Ein Geschirr für den Oberkörper

Cassidy bringt Kleid, Maske, ein supersüßes Harness – ein Geschirr für den Oberkörper – und einen neckischen »Spank me«-Wedler als Accessoire mit. Auf der Toilette ziehen wir mich an. 
 
Ich habe noch ein bisschen Zeit bis zum Partystart und beäuge die Location. Veranstalterin Sue wirbelt herum und schaut, dass alles läuft. Sie füllt große Schalen mit Chips und anderen Snacks, daneben finde ich prachtvoll überladene Obstschalen, in die Schüsseln in den Playrooms schüttet sie Kondome. Safety first, klar. Tatsächlich amüsiert mich das mehr, als dass es mich überrascht. Dass auf dieser Party nicht nur getanzt wird und in den Playrooms keine PlayStation-Konsolen rumstehen, das war mir vorher klar – auch ich bin schließlich hin und wieder in diesem Internet unterwegs.
 
Die Party geht los. Während ich in meinem supersexy Oufit durch die Räume laufe, wird mir ein Aspekt des Selbstversuches bewusst, den ich bislang nicht auf dem Schirm hatte und der meine Nackenhärchen sich aufstellen lässt: Was ist, wenn ich das, was ich hier gleich sehen würde, total geil finde? Wenn der Abend bei mir zündet und das als Reportage deklarierte Schnuppern mir nicht ausreicht? Dieser prickelnden Gefahr musste ich mich wohl aussetzen. Aber: War das Kleid an meiner Kehle eigentlich immer schon so eng? Und wieso verkauft der Barkeeper noch keinen Gin Tonic?

TM-Redakteurin Jula zum ersten Mal in Latex unterwegs - ein Outfit mit Wow-Effekt.


Let's go party!

22 Uhr, die Gäste trudeln ein. Glücklicherweise kann ich ganz schnell die Bilder à la RTL-II-Reportage aus dem Donnerstagabendprogramm verbannen: Das Publikum zeichnet sich aus durch Eleganz und Niveau. Abgesehen davon ist alles vertreten und die Outfits bemerkenswert kreativ. Wie heißt es doch im Konzept der »Kinky Beats«-Veranstalter so schön? »Grenzen gibt es nur im Geiste!« Weiter liest der Neuling unter kinkyworld.com zum Dresscode: »Latex, Leder, Lack, Bizarre, Drag, Gay Sport Fetisch, Burlesque, Fantasy ... Alles, nur nicht gewöhnlich! Keine Straßenkleidung, keine Jeans, keine Turnschuhe, keine Gnade!« Habe ich vor der Party noch gedacht, die Kunst würde sein, die Heteros von den Homosexuellen zu unterscheiden, erweitere ich nun die Challenge um die Unterscheidung zwischen Männlein und Weiblein. Ich finde das spannend, ich bin perplex, aber ich bin ein offener Mensch und freue mich darüber, wenn jeder sein kann, wie er will. Ich lerne außerdem: Du kannst vollkommen tolerant und aufgeklärt sein, aber wenn du zum ersten Mal einem Mann Mitte vierzig gegenüberstehst, der nur mit Frack, roter Fliege, Anzugschuhen und einem Cockring mit großer Glitzersteinkugel bekleidet ist, musst du deine Gesichtszüge unter Kontrolle haben. So geht es mir auch, als diverse Damen und Herren an einer Leine an mir vorbeigeführt werden.
 
Das ist Reizüberflutung – das erste Mal Youporn an einem langweiligen Abend allein zu Hause ist nichts dagegen. Vermutlich, weil live dabei zu sein wirklich den großen Unterschied macht. Doch verabschieden wir uns kurz von der Vorstellung wild und wahllos kopulierender Partygäste. Abgesehen von den krassen Outfits und der offenen Präsentation von Vorlieben und Ausrichtungen so mancher Besucher, ist die Kinky Beats in erster Linie eine Party. Man trinkt, man lacht, man tanzt. Es gibt Chips, Begrüßungscocktails und ambitionierte DJs und die Stimmung kommt wie gewöhnlich erst nach einiger Zeit in Fahrt. Apropos Chips, Cassidy rät mir schon früh davon ab, hier noch beherzt zuzugreifen, sobald die Party mal richtig läuft. Nachdem ich mich später in den Playrooms umsehe, ist mir auch klar, weshalb. Bierflaschen, Toilettenklinken und vielleicht ein paar Zigaretten sind nicht alles, woran die Partygäste hier ihre Hände haben.

Verrückter Tapetenwechsel

Unzählige Gäste mischen mittlerweile die Tanzfläche auf, die Kinky Beats lege einen Zahn zu und ich akklimatisierte mich weitestgehend. Ich genieße den verrückten Tapetenwechsel. Was ich früh ausschließen kann: Dass ich Typen in Latex geil finde. Was ich nicht ausschließen kann: Dass man mich in Latex geil findet. Ich höre auf zu zählen, wie oft ich auf mein Outfit und insbesondere auf die Maske angesprochen werde. Doch die anfängliche Besorgnis, in irgendeiner Form zur Zielscheibe von Grapschern zu werden, zerstreut sich schnell. Die Atmosphäre ist in jeder Hinsicht zwanglos und nicht zu vergleichen mit Abenden in einer herkömmlichen 08/15-Großraumdisko mit Männerüberschuss. Ich erkläre mir das folgendermaßen: Auf einer Fetischparty wie der Kinky Beats ist es möglicherweise viel einfacher Spaß zu finden und sich auszutoben. Man geht mit seiner Lust offen und gelassen um. Jeder wird mit seinem persönlichen Partyziel respektiert und kann easy auf seine Kosten kommen. Ich will tanzen und gucken. 

Beste Laune mit scharfer Katzenmaske. TE-Redakteurin Jula auf der Kinky Beats.
 
Je später der Abend, desto mehr gibt es natürlich zu sehen. Und zwar nicht nur in den dafür vorgesehen Play Areas. Ein Gast erklärt mir das so: »Wenn du hier ungestört Spaß haben willst, mach es am besten auf der Tanzfläche – dort rechnet keiner damit.« Er hat recht. Als ich das erste vögelnde Pärchen neben dem DJ-Pult entdecke, ist mein erster Reflex: Ach Gott, die Dame tanzt aber vollkommen neben dem Takt! Bis ich erkenne, dass jemand hinter ihr steht, und begreife, was da eigentlich abgeht. Mein zweiter Reflex: Ich muss innerlich lachen. Es ist ein Gackern wie damals in der 2b, wann immer das Wort »Penis« fiel. Doch auch hier entspanne ich mich relativ schnell und nehme es einfach hin. Das ist hier so und die Kinky Beats ist eben auch nur fast eine normale Party. Meine voyeuristischen Bestrebungen in den Playrooms enden im Schnitt nach zwei Minuten. Ich nehme an, weil du als Mädchen, das sich allein in diesen Bereichen trollt und zusieht, wie es andere treiben, während rundherum zig Männer Hand an sich legen, damit eines signalisierst: »Ich wäre gern als Nächste an der Reihe!« Also ergreife ich jedes Mal die Flucht, wenn sich die wedelnden Palmen mir zuwenden. Eine Frage, auf die ich keine Antwort finde: Was ist mit all dem Sperma?

Heiße Bilder machen Durst

Das viele Tanzen und die heißen Bilder machen mich durstig. Und wer viel trinkt, der muss irgendwann für kleine Königstiger. Ich nehme sicherheitshalber Cassidy mit, die mir im Zweifel bei dem Kleid helfen kann. Und tatsächlich, einmal das Kleid am Saum nur einen Millimeter nach oben geschoben, schnalzt es über meinen Hintern und macht auf Taillenhöhe halt – Szenenapplaus. Wie erwähnt, würden meine Nägel das Kleid möglicherweise zerstören, also rufe ich Cassidy in die Kabine. Sie hat nun die knifflige Aufgabe, das Kleid irgendwie wieder nach unten zu streifen. Ich habe keine Wahl, als diese Situation mit Humor zu nehmen, also lache ich. Leider blockieren wir damit eine von zwei Toilletten und draußen wartet eine Horde ungeduldiger Partygäste. »Sagt mal, Mädels, könnt ihr das nich' draußen machen?« Ich überlege kurz, ob ich mich allen Ernstes untenrum komplett entblößt in den Waschraum stellen möchte, rufe mir dann aber ins Gedächtnis, wie viele Damen da draußen außer Schmuck überhaupt nichts am Leib tragen. Angesichts dessen halte ich meine Scham für überzogen und trete mit Cassidy nach draußen. Sie geht in die Knie und macht sich ans Werk und außer mir nehmen diese amüsante Zwischeneinlage auch noch zahlreiche Zuschauer mit Humor. »Na, sei doch froh, du hast einen Wahnsinnsarsch – für den würde ich töten!«, ruft eine zierliche Frau aus der zweiten Reihe. Mein Selbstwertgefühl macht einen Salto und letztlich sitzt auch das Kleid wieder dort, wo es soll. Jetzt erstmal an die Bar!
 
Ich bleibe noch einige Stunden, entscheide allerdings, jegliche stille Örtchen nicht mehr so schnell aufzusuchen. Stattdessen genieße ich offene Gespräche an der Bar und die wirklich inspirierende und anregende Atmosphäre auf der Party. So abgedroschen der alte Swinger-Spruch »Alles kann, nichts muss« klingen mag – vermutlich steckt hinter dieser Prämisse eben genau all der Zauber, der einen solchen Abend zu etwas Besonderem macht. Ich finde irre interessant, wie offen die Menschen hier mit ihren Neigungen und Vorlieben umgehen. Ob sie nun darauf stehen, einer Fremden die Stilettos abzulecken, oder an der Kette als Sklave geführt zu werden – Dinge wie diese ausleben zu können, bedeutet Luxus und Freiheit. Das ist reizvoll. Und wenn ich einen Fetisch habe, dann ist es meine grenzenlose Neugier.

Alternativemodel und TATTOO EROTICA-Kolumnistin Cassidy Rose:
www.cassidyroseofficial.com

Hair and Make-up von Kami Zero:
www.facebook.com/ZeroMakeUp

Fotos von Bolli Hotshots:
www.facebook.com/bolliHotShots

Mehr Infos zur Boutique von Sue unter:
www.facebook.com/KinkyaFair

Mehr über die Partyreihe Kinky Beats unter:
www.kinkyworld.de

Fetisch-Masken in Handarbeit von Jaded Jewall:
www.jewall.de/www.facebook.com/jaded.jewall          
 
 
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Stand:22 May 2018 11:46:33/editorial/meine+erste+fetisch-party_173.html