Avantgardista

19.01.2018  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Diverse
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Lifestyle wird Fetisch und Fetisch wird Lifestyle: Auf der ersten Avantgardista sind die Grenzen tatsächlich fließend. Das gelingt durch den völlig neuen Ansatz, in erster Linie ein Mode-Event zu veranstalten – und keine Fetisch-Party. Getragen wird dennoch vor allem feinstes Latex und Leder.
Eine Fusion aus Fashion und Fetisch – dieses Bild beschreibt das progressive Event Avantgardista in München ganz vortrefflich. Das Konzept ist visionär, die Macher sind voller Leidenschaft und brennen für ihre Sache. Es ist eine Passion für Mode aus besonderen Materialien, hauptsächlich Latex, Leder und Gummi, die das Feuer entfachte und den Stein für ein in Deutschland richtungsweisendes Fashion-Event ins Rollen brachte. Das Organisatorenteam rund um Initiator Christian Eberle sammelte zuvor bereits viel Erfahrung mit der Veranstaltung ihrer Partyreihen – den SubRosaDictum-Events. Nun also veranstaltete das Team im Münchner Kohlebunker vor beeindruckender Kulisse die erste Avantgardista. »Ich beobachte die Szene schon seit Jahren und kenne die vielen tollen Designer, die wir in Deutschland haben. Ich finde, deren Mode wird häufig falsch präsentiert. Daher war es mir ein Anliegen, hier eine neue Plattform zu schaffen und die Fetisch-Mode aus dem Dunklen rauszuholen«, erklärt Christian Eberle.

Im Showroom im modern und stilvoll restaurierten Kohlebunker stellten bereits am Tag diverse Designer ihre Mode aus. Kleider, Lingerie, Schuhe und Accessoires beherrschten das Bild – dazu Kunstwerke, ein roter Teppich und eine exquisite Gin- und Whiskey-Bar. Die lichtdurchflutete Kulisse hätte so auch auf New Yorker Boden gepasst. Die anfängliche Skepsis, ob so ein alternatives Fashion-Event ausgerechnet in München funktionieren kann, einer Stadt, die im Direktvergleich mit Köln oder Berlin eher zugeknöpft erscheint, zerstreute sich schnell.

Das mehrteilige Latex-Outfit vom Hamburger 
Label Inner Sanctum ist der perfekte Begleiter für die nächste Fetisch-Party. Wer es zur Cocktail-
party ausführen möchte, braucht allerdings eine Menge Mut.
Foto: Markus Plangger

Schon um die Mittagszeit öffnet die Avantgardista am Samstag ihre Tore. Das ermöglicht es den modeaffinen und neugierigen Besuchern, die ausgestellten Stücke genau zu betrachten, anzuprobieren und sich vor allem  mit den Designern darüber zu unterhalten und sich zu informieren. Denn das Besondere bei der Avantgardista sind schließlich die Materialien, die die Modeschöpfer verwenden und zeigen. Glänzendes Latex in jeder nur erdenklichen Ausführung und sattes, hochwertiges Leder stehen im Fokus. Und obwohl Fashionistas, Stil-Ikonen und High-Fashion-Brands schon seit längerem mit diesen Stoffen experimentieren, haben doch die allermeisten im alltäglichen Leben bislang keine Berührungspunkte damit. »Wir wollen uns immer neu erfahren, auch als verführerische Objekte«, erklären die Macher auf ihrer Webseite. Das ist es auch, was viele Fetischisten motiviert, die sich der Faszination und Wirkung von Leder und Latex längst bewusst sind. Ein mutiges, erotisches Statement, ein Spiel mit den Reizen des eigenen Körpers. All das ermöglicht der Griff zu alternativen Materialien, der längst nicht mehr nur eingefleischten Fetischisten und somit einer Minderheit vorbehalten ist.

Vorgemacht haben es die Stars, Pop-Prinzessinnen wie Britney Spears oder Katy Perry und Stil-Ikonen wie Lady Gaga setzten bei ihren Outfits schon oft auf den garantierten Wow-Effekt von Latex. Red-Carpet-tauglich machte das Material besonders in letzter Zeit immer wieder Kim Kardashian, die ihre Wahnsinnskurven in hochwertiges, gerne nudefarbenes Latex hüllt oder erst kürzlich ein schwarzes Lack-Bustier zu einem silbernen Rock trug. Die bekannteste High-Fashion-Designerin, die immer wieder mit Latex experimentierte, ist sicherlich Vivienne Westwood. Heute ist vor allem die japanische Designerin Atsuko Kudo in aller Munde. Auch sie verwendet für ihre Couture Latex, entwirft aber nicht für den düster-anrüchigen,  sexuellen Kontext, sondern für Fashionistas, die den Mut haben, ihren Sexappeal gekonnt einzusetzen. Ihre berühmteste Kundin dürfte Lady Gaga sein, die eine feuerrote Latex-Robe bei Kudo bestellte, um sie bei einer Audienz im Buckingham Palace zu tragen.

Dieses farbenfrohe Kleid stammt von Exxess Latex und wurde in aufwendiger Handarbeit angefertig. Jeder Streifen des bunten Kleides ist handverklebt.
Foto: NoRegretsPhoto

Sehr lange wurden Latex, Lack und Leder mit BDSM in Verbindung gebracht. Das hat sich ganz offensichtlich geändert. Zeit für Fetisch-Enthusiasten diese Öffnung mit einer breiten Öffentlichkeit zu feiern, wie etwa auf der ersten Avantgardista. Auf dem extravaganten Fashion- und Lifestyle-Event treffen Szenekenner, die den Fetisch bereits bewusst ausleben, auf Modeinteressierte und Neugierige, die das modische Neuland für sich entdecken wollen. Daraus ergibt sich eine aufregende, ja sogar knisternde Atmosphäre. Vom Selbstbewusstsein derer angesteckt, die bereits in den aufwendigsten Latex-Roben aus ihrem privaten Fundus im Kohlebunker eintreffen, trauen sich auch die Stinos (Bezeichnung für »stinknormale« Leute, die innerhalb der Szene für Nicht-Fetischisten verwendet wird) in sündhafte Overknee-Stiefel zu schlüpfen, mal ein Harness anzulegen oder Latexkleider und Hemden anzuprobieren.

Am Abend findet dann die eigentliche Fashionshow statt – sicherlich das große Highlight der Avantgardista. Hier wird die Mode von professionellen Models präsentiert. Der perfekt ausgeleuchtete Laufsteg, umsäumt von einigen Stuhlreihen und dutzenden Fotografenplätzen, bildet das Herzstück des Kohlebunkers und macht unweigerlich schon am Tag neugierig auf den Abend. Bereits eine Stunde vor Beginn der Runway-Show sind alle Plätze restlos belegt und die Aufregung ist mit  Händen greifbar. So auch im übrigen bei den vielen Alternative-Models, den Stylisten und Designern im Backstage-Bereich. Von früh morgens an warten die vielen Männer und Frauen auf den großen Moment, proben ihre Läufe, perfektionieren ihren Look. Der Unterschied zu einer »richtigen« Fashionshow ist nicht auszumachen. Dieses Event hat Klasse, Niveau und ist durchweg professionell arrangiert – das sorgte bei den Teilnehmern für große Zufriedenheit und beeindruckt die Gäste.

Auf dem Laufsteg gab es neben tollen Körpern in aufregenden Stoffen auch zahlreiche schöne Tattoos zu bestaunen. Zum Beispiel in der Show von Savage Wear.
Foto: Markus Plangger

Moderiert wird die Fashionshow von Ian Dutton und Fräulein Katzentanz. Ian ist eigentlich Pilot bei einer großen Airline und lebt in New York. Er kann seine Leidenschaft mit dem Job gut verbinden und ist daher gemeinsam mit Frau Shea weltweit auf den großen Fetisch-Veranstaltungen ein häufig und gern gesehener Gast. An seiner Seite glänzt das schöne und sympathische Fräulein Katzentanz – in der Fetischszene ebenfalls bereits als Model bekannt. Seit fünf Jahren bewegt sie sich in der Szene und schneidert viele Kleidungsstücke selbst. Die Liebe zu Latex wächst seither stetig. »Das kam alles aus dem Gothic-Bereich, dem ich mich immer noch verbunden fühle.« Das Model ist vom Event, das sie moderiert, so begeistert wie das Publikum, das ihr bei der Show in Scharen  gebannt an den Lippen hängt. »Das Feedback war großartig und diese neuartige Veranstaltung in jeder Hinsicht ein voller Erfolg«, sagt sie später. »Bisher kennt man Modenschauen dieser Designer nur von ausgesprochenen Fetisch-Partys. Hier sind immer wieder mal kleine Fashionshows integriert und somit aber auch nur dem Fetisch-Publikum exklusiv vorbehalten. Die Avantgardista öffnete erstmals die Tore für eine breite Öffentlichkeit und macht Fetisch-Fashion für jedermann zugänglich.«

Die Szene bricht also auf und wird für die Modebranche zugänglich. Statt Kritik von eingefleischten Fetischisten gibt es für diesen Schritt durchaus Lob. Für Fräulein Katzentanz ist die Entwicklung nur logisch, denn für sie ist Latex längst salonfähig und ein ständiger Begleiter. »Du kannst Latex immer und überall tragen. Die Grenzen existieren nur in deinem Kopf.« Oft habe man da nämlich ein falsches oder extremes Bild im Kopf von einem Vollgummi-Outfit. Doch ein ganz dezentes florales Design könne man problemlos auf  Cocktailpartys ausführen. »Ich kombiniere zum Beispiel gerne einen Latex-Taillengürtel mit einem schlichten kleinen Schwarzen. Die Reaktionen darauf sind immer grandios!« Auf der Avantgardista-Fashionshow werden einige Kleider, Leggins oder Bustiers gezeigt, die man mit einfacher Kleidung wie einer Bluse oder einem Blazer schnell alltagstauglich und dennoch sexy und aufregend in Szene setzen kann – ohne allzu viel zu reizen. »Für mich ist Latex das wunderbarste Material der Welt. Daraus entsteht Mode, durch die du dich ganz einzigartig inszenieren und ausdrücken kannst. Nichts  setzt einen Körper aufregender und schöner in Szene«, sagt Fräulein Katzentanz über die Faszination, der bei der ersten Avantgardista auch viele fashionbewusste Neulinge erlagen. Das Besondere sei auch, wie individuell und aufwendig Latex-Kleidung produziert werde. »Nirgends hast du so wenig Stangenware. Diese Outfits sind oftmals einzigartig und entstehen im Zusammenspiel mit dem Kunden, für den es angefertigt wird.« Die perfekte Mode also für Individualisten, die es gern exklusiv und ausgefallen mögen.

Nach dem fulminanten Auftakt und dem tollen Feedback  steht jetzt schon fest: Das Fashion- und Fetisch-Event Avantgardista geht in die zweite Runde. Vom 19. bis 21. Oktober  2018 fusionieren in München wieder Fetisch und Lifesytle.

www.avantgardista.net
 

Die Hüllen fallen ließen einige Avantgardista-Gäste dann bei der Aftershowparty im Kesselhaus nebenan. Kunstvoll und sinnlich trägt diese Dame ihr Harness zur schönen Lingerie. 
Foto: Heinrich v. Schimmer

Aftershowparty by SubRosaDictum

Am Abend fand im Kesselhaus neben dem Kohlebunker dann noch eine fulminante Aftershowparty statt. Da die Macher der Avantgardista die gleichen kreativen Köpfe sind, die hinter SubRosaDictum stehen, war zu erwarten, dass der besondere Tag mit einem sinnlich-erotischen Feuerwerk gekrönt werden würde.

SubRosaDictum steht für außergewöhnliche Fetisch- und BDSM-Partys. Seit 2008 organisiert eine Gruppe junger Visionäre, Eventprofis und szeneaffiner Menschen Partys, die alles sind – nur nicht gewöhnlich. »SubRosaDictum veranstalten nicht einfach nur Partys. Sie visualisieren Stimmungen. Bieten dir Bühnen. Statten deine Träume aus. Mit Licht, Musik. Sind dein Spielplatz: mit ganz viel Liebe und Feenstaub«, heißt es auf der Homepage. Sowohl der Turnus als auch die Locations wechseln, das Münchner Kesselhaus wurde schon häufig zum Schauplatz für die Space-Intruders-Partyreihe, die auch am Abend des 11. Novembers den Rahmen gab für die offizielle Aftershowparty der Avantgardista.

Heiße Latex-Outfits, nackte Körper, vibrierende Bässe beherrschten das Bild. Während eiskalte Getränke die Kehlen hinterflossen und die Gemüter kühlten, gab es imposante Laserfiguren und abgefahrene Lichtershows zu bestaunen.

Wer seiner voyeuristischen Lust oder dem Verlangen nach erotischen Spielereien nachgehen wollte, der begab sich in die Katakomben des Kesselhauses oder stieg die Wendeltreppe hinauf in privatere Areas.

www.subrosadictum.de
 
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Stand:17 August 2018 03:27:10/editorial/avantgardista_18116.html