Luca Cassarà – Die Fotografie ist Meine Sprache

07.12.2016  |  Text: Boris Glatthaar  |   Bilder: Luca Cassarà
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Luca Cassarà – Die Fotografie ist Meine Sprache
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Instinkt, sagt Luca Cassarà, ist der Funke, an dem sich Kreativität entzündet. Man brauche Instinkt, um gute Fotos zu schießen.
Genauso sei es mit Können – wer nicht wisse, was er tut, bekomme kein gutes Bild in den Kasten. Und dann sei da noch die Technik, als fotografischer Heilsbringer angepriesen von vielen, die ständig die neuesten Kameras kaufen. Klar, auch Technik sei wichtig, meint der 35-jährige Fotograf aus Mailand. Sie sei das Mittel, das der Kreativität Ausdruck verleihe. Aber nur ein Kasten aus Plastik, Glas und Metall, wenn man sie nicht bedienen könne. Oder keinen Instinkt habe für das Motiv.

Luca, du hast dir das Fotografieren selbst beigebracht. Hattest du auch einen fotografischen Lehrer oder Mentor?
Nein. Keine Lehrer, keine Schule. Ich habe durch Versuch und Irrtum gelernt, Tage und Nächte damit verbracht, es einfach auszuprobieren. Und ich habe viel beobachtet. Eine gute Schule war, immer auf andere Menschen zu achten, auf andere Fotografen und auf Models. Jeder Mensch hat etwas, was er lernen und etwas, was er lehren kann.

An welchen Fotografen orientierst du dich?
Es gibt viele Fotografen, die ich liebe: Elliott Erwitt, Mario Testino, David Hamilton, Jan Saudek, Robert Mapplethorpe und andere. Sie haben mich immer schon inspiriert, aber ich bin kein Fan davon, jemandem nachzueifern. Das wäre, wie zu versuchen, jemand zu sein, der man nicht ist. Inspiration hingegen bedeutet, eine Idee in seine eigene Welt zu überführen und daraus etwas Neues zu kreieren.

Dieses Foto mit dem Titel »Firestarter« gehört zu den ersten Beauty-Porträts von Luca Cassarà und noch immer zu seinen Lieblingsfotos.

In einem anderen Interview hast du einmal gesagt, dass nicht nur Fotografen dich inspirieren, sondern Kunst allgemein.
Als ich ein Teenager war, da liebte ich es zu zeichnen und zu malen. Und ich mochte schon immer Kunstgeschichte, hauptsächlich die der Malerei. Ich könnte den Grund nicht erklären, es wäre so, als würde ich versuchen, die Liebe zu erklären. Es ist eine Gefühlssache, die kann man nicht erklären. Heute ist eine meiner großen Leidenschaften das Kino. Es ist wahrscheinlich eine der Kunstarten, die ich am meisten mag. Das zusammen mit der Malerei brachte mich dazu, die Fotografie zu lieben.
Vermutlich hätte Luca Cassará seine Leidenschaft zur Fotografie niemals entdeckt, wenn er nicht vor etwa sieben Jahren durch Palermo gezogen wäre, weil er Fotos von Touristenzielen benötigte. Dabei entdeckte er, wie viel Freude ihm die Fotografie bereitet. Er begann, sich hineinzuknien –
seinen Job als IT-Service-Berater bei einem Telekommunikationsunternehmen hat Luca Cassará allerdings bis heute nicht aufgegeben. Die Fotografie, sagt er, ist seine persönliche Form, sich auszudrücken. Er will darin unabhängig sein, sein Ding machen; ganz egal, ob im freien Projekt oder Kundenauftrag.

Inwieweit spiegeln deine Fotos die Wirklichkeit, inwieweit sind sie künstlich?
Ein Foto kann die Realität widerspiegeln oder eben nicht. Alles hängt von der Idee ab, vom Fotografen, dem Thema, der Botschaft. Denke nur an Erwitt oder LaChapelles Fotografie: Die zeigen zwei Extreme einer einzigartigen Kunst. Ich liebe es manchmal, in meiner Fotografie völlig unrealistische Szenarien zu kreieren und unrealistische Effekte zu erzeugen, aber ich mag es nicht, das Modell zu sehr zu verändern. Sehr oft korrigiere ich nur die Haut, entferne Schönheitsfehler, aber ich würde niemals Dinge verändern wie die Gesichtszüge. Und die anschließende Fotoretusche ist genauso wichtig wie das Shooting selbst. Beides ist nicht separat voneinander zu betrachten, sondern es sind zwei Phasen eines einzigartigen kreativen Prozesses. Wenn ich retuschiere, dann gestalte ich. Deshalb bearbeite ich meine Fotos komplett selbst. Das kann niemand anderes.

Du bildest also einen Teil Wirklichkeit in einem sonst sehr unwirklichen Kunstwerk ab?
Oh mein Gott. An dieser Stelle sollen wir wirklich dringend trennen zwischen den beiden Funktionen von Kunst: Kunst als Produkt und Kunst als Kunst. Ein Foto kann als kommerzielles Produkt produziert werden, bis ins Detail durchgeplant, mit einem Ziel, mit einem nutzen. Dieser Nutzen kann sein zu verkaufen, Likes in sozialen Netzwerken zu erzeugen, bekannt zu werden. Oder eine Fotografie kann geboren werden, um zu erzählen, etwas auszusagen, die Fantasie anzuregen. Fotografie ist eine Sprache wie die Malerei, der Film, die Bildhauerei – all das gehört zur Kunst. Am Ende muss aber nicht jede Fotografie zwingend eine Aussage haben. Sie kann auch einfach nur das sein, was man auf ihr sieht: ein Motiv. All das sind Möglichkeiten, die ein Foto hat; welche letztlich genutzt wird, hängt von einer Menge Faktoren während des Schaffensprozesses ab.

Dieses Werk gehört zur erotischen Foto­serie »Lust«. Luca Cassarà zeigt darin, dass Erotik von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist – und entsprechend unterschiedlich dargestellt werden kan

Die Art deiner Fotos richtet sich also nach deren Zweck. Was verbindet sie dennoch? Was ist der rote Faden in deinem Gesamtwerk?
Zwischen Fotografien und Stilen kann ebenso oft eine Verbindung bestehen wie keine. Manchmal sind sie komplett verschieden, aber sie sind immer ein Teil meines kontinuierlichen fotografischen Experiments. Manche Menschen sagen, dass sie jedes meiner Bilder in Schwarz-Weiß sofort wiedererkennen, andere wiederum sagen, ich schenkte dem menschlichen Gesicht viel Beachtung. Ich selbst könnte auf die Frage gar keine Antwort geben, ohne vorher zu einem guten Psychoanalysten zu gehen. Oft sind die Models in meinen Fotos extrem niedlich, egal ob in Nude, Glamour oder Porträt. Meine Fotos haben eine leichte Melancholie, eine subtile, aber wahrnehmbare Intimität. Die Models sehen häufig so aus, als würden sie sich an etwas erinnern oder über etwas nachdenken, was sie emotional berührt.

Bedeutet das, du erzählst in deinen Porträts und Aktaufnahmen die Geschichten deiner Models?
 Alles, was wir über einen Menschen in einem Foto erzählen können, ist spekulativ. Oft sagen wir, wenn wir eine Person fotografieren, wir würden etwas von diesem Menschen erzählen, wir würden – metaphorisch gesprochen – seine Seele einfangen und erzählen, wer er ist. Ich glaube das nicht. Ich denke, dass wir in Wahrheit nur uns selbst fotografieren, und zwar mittels der Person, der Landschaft oder der Szene vor unserer Linse.  Wir erzählen unsere Gefühle, was wir sind, was wir denken. Wir erzählen von uns. Deshalb ist in jedem Foto ein Teil von mir. In manchen Bildern ist es sehr sichtbar, wie in einigen Fotostrecken im Abschnitt »Stories« auf meiner Webseite, manchmal ist es aber auch sehr versteckt.

Du hast sogar einmal gesagt, ein Fotomodell sei ein Instrument des Fotografen. Was meinst du damit?
Ich muss zunächst das Wort Instrument erklären. Auch Meditation, Liebe und innerer Friede sind Instrumente für mich, aber sie sind keine Objekte. So ähnlich sehe ich auch ein Model als Instrument. Ich meine nicht im Geringsten, ein Model sei ein Objekt im Sinne einer Puppe. Im kreativen Prozess ist das Model genauso wichtig wie der Fotograf, alles hängt vom Gemeinsamen ab, vom Austausch der Ideen, vom Dialog, aus dem etwas wunderbar Magisches entsteht, das wir Fotografie nennen. Und für mich spielt dabei keine Rolle, ob ich das Foto für ein persönliches Projekt produziere, für ein Magazin oder für einen Kunden. Bevor ich mit dem Shooting beginne, beschäftige ich mich immer eine Zeit lang mit dem Model. Wir können einfach über Musik reden, über den Freund, die Katze, Leidenschaften, aber ich muss die Person, die ich vor der Linse habe, kennenlernen.

Was machet ein gutes Model aus?
Ich habe mich nie um die körperlichen Vorgaben geschert, die die Model-agenturen ausgeben oder die aus der Kleidungsindustrie kommen. Kümmere dich nicht um die Maße. Für mich sind andere Dinge wichtig: Leidenschaft, Energie und der Wille, sich am kreativen Prozess zu beteiligen.

Gibt es da einen Unterschied zwischen Models und Tattoomodels?
Es gibt keinen Unterschied. Ich achte auf die Person, nicht auf ihre Hautfarbe und darauf, ob sie tätowiert ist oder nicht. Ich konnte es noch nie leiden, Menschen zu kategorisieren und als B-Klasse-Models abzustempeln. Und nur, weil sie Tattoos tragen, zu sagen, sie taugten nicht für die Modefotografie oder sie können nicht mit Modelagenturen arbeiten. Ein A-Model ist ein gutes Model, egal ob tätowiert oder nicht. Ich mag es übrigens insgesamt nicht, in Kategorien zu denken. Ich habe oft Schwierigkeiten, meine eigenen Bilder stilistisch in irgendwelche Schubladen zu packen. Ich glaube an die Kraft der Fotografie, um Botschaften und Emotionen zu vermitteln. Der Unterschied zwischen den Genres wie Studio-, Beauty- oder Straßenfotografie ist eigentlich nur die Technik oder die Umgebung, in der das Foto entsteht. Ich liebe es, im Studio zu fotografieren, weil ich da die volle Kontrolle über jeden Aspekt der Fotografie habe. Ich liebe die Straßenfotografie, weil sie absolut natürlich ist, völlig unvorhersehbar und rein instinktiv. Und ich liebe Beautyfotografie, weil sie ein hohes Maß an Präzision und technischer Perfektion erfordert.

»Absolut«: Mit diesem Motiv tastete sich Luca Cassarà an die Nude-Fotografie heran, indem er mit der Körperform experimentierte.

Dennoch hast du einen Faible für tätowierte Mädchen. Du fotografierst sie oft.
Ich liebe Tattoos und halte sie für Kunst und für ein persönliches Tagebuch jedes Trägers. Deshalb liebe ich es, tätowierte Frauen als lebendes Kunstwerk zu betrachten, das von sich selbst erzählt. Und ich finde Tattoos einfach sehr schön und entzückend. Ich sage: Bitte niemals eine Person, ihre Tattoos zu erklären. Höre ihr stattdessen zu, schaue sie an, lass sie ihre Geschichte erzählen. Du wirst es lieben, wie viel Menschliches und Schönes dabei zum Vorschein kommt.

Ich bitte dich trotzdem, deine eigenen Tattoos zu erklären.
Wie ich schon sagte, sind die Tattoos eine Form von Kunst und ein persönliches Tagebuch. Manchmal gibt es Gedanken, Erinnerungen und Ereignisse, die so stark und in deinem Leben präsent sind, dass du plötzlich das Gefühl hast, sie einfach in dein Fleisch hacken zu wollen. Ich bin jetzt 35 Jahre alt und habe mein erstes Tattoo mit 18 bekommen, einen Wolf. Mit der Zeit kamen immer mehr Gedanken und Ereignisse und Erinnerungen hinzu, die so stark waren, dass ich sie in meiner Haut verewigen wollte. Ich habe sie mir ausgedacht, designt und meinen Tätowierern gezeigt. Sie alle sind übrigens Frauen. Ich liebe es, wie Frauen beim Tätowieren arbeiten und sich selbst ausdrücken. Nach dem Wolf habe ich mit einigen Zitaten aus einem sehr fotografischen Film weitergemacht. Dann haben mir ein paar Freunde zum Geburtstag ein Tattoo von einer Rolleiflex geschenkt und ich lernte Giulia Del Bianco kennen, eine großartige Tattookünstlerin, die eine gute Freundin von mir wurde.
Mit ihr habe ich meinen linken Arm gemacht – voller Symbole für mein Leben, meinen Charakter, meine Erinnerungen. Ich liebe diesen Arm. Vor ein paar Wochen habe ich ein neues Projekt begonnen. Es wird sich über meinen halben rechten Arm erstrecken und eine alte Tätowierung überdecken. Es wird in visueller Form einen Text von Bob Dylan zeigen, der mein Leben stark beeinflusst hat.

Gibt es neben Tattoos auch Fotos, in denen sich dein Leben spiegelt?
So wie jeden von uns ein Lied, ein Film oder ein Ort an besondere Momente in unserem Leben erinnert, so gibt es auch einige Fotografien, die in meinem Leben Spuren hinterlassen haben. Einige dieser Fotos verbinden mich direkt oder indirekt mit einer Person oder einem Ort und oft sammle ich sie eben unter »Stories« auf meiner Webseite. Oft erzählen sie von einem Menschen, den ich während einer gewissen Periode meines Lebens geliebt habe, manche erzählen von Kummer, andere von glücklichen Tagen.

Mit diesen Fotos erzählst du über dich selbst. Über dich wurde aber auch schon viel erzählt.
Oh mein Gott. Wenn ich alles glauben würde, was ich jemals über mich gehört habe, dann sollte ich auch anfangen zu glauben, dass ich John F. Kennedy getötet habe und ein Roswell-Außerirdischer bin. Nein, es ist einfach so: Wie in jeder Branche hast du Feinde und Neider, wenn du gut arbeitest und mit deinem Werk eine gewisse Sichtbarkeit erreichst. Das veranlasst offensichtlich einige Leute dazu, Mist über mich zu erzählen. Aber ich habe gelernt, darüber zu lachen. Ein Lachen ist immer eine perfekte Bombe, wenn dich jemand angreifen möchte.
 


Luca Cassarà

Luca Cassará, 35 Jahre alt, hauptberuflicher IT-Berater, hat sich in den vergangenen Jahren ein beachtliches Renommee als Fotograf aufgebaut und arbeitet unter anderem für zahlreiche Magazine, so auch TATTOO EROTICA. Der gebürtige Sizilianer lebt seit elf Jahren in Mailand. Seine Fotos gedruckt zu sehen, ist für ihn immer ein Höhepunkt, denn er sagt: Erst durch den Druck ist ein Foto dauerhaft für das Auge sichtbar. Das digitale Werk indes brauche jederzeit ein Gerät, das es sichtbar mache – und es sei flüchtig. Luca Cassarà sagt: »Es ist, wie in den Sand zu schreiben: Es braucht nicht viel, um das Bild verschwinden zu lassen. Egal also, wie viele Terrabyte du zu Hause hast, drucke deine Fotos immer aus.« 

www.lucacassara.it 

www.facebook.com/lkronoscassara
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Stand:21 November 2018 10:04:33/editorial/bitte+hier+unbedingt+einen+redaktionellen+titel+eintragen_1612.html