Nuriel Molche - DER HUTMACHER

27.01.2017  |  Text: Jules Kay  |   Bilder: Nuriel Molcho und Audrey Lee James
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Nuriel Molche - DER HUTMACHER
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Dandy, Citoyen und Gentleman: Wer früher Hut trug, setzte bei allen praktischen Erwägungen auch ein Modestatement. Der rege Entrepreneur Nuriel Molcho fertigt nun nach alter Handwerkstradition individuelle Hüte zum erschwinglichen Preis – er will dem vergessenen Herrenaccessoire zu neuer Blüte verhelfen. Interview mit einem Stilbewussten.
»Von der Muse geküsst« trifft auf Nuriel Molcho nicht ganz zu. Ich würde vielmehr schon sagen, der junge Wiener mit israelischen Wurzeln hat eine innige Liebesbeziehung zu seiner Muse. Anders kann ich mir nämlich nicht erklären, wie ein einzelner Mensch so viele kreative Talente und Leidenschaften besitzen kann und jedes einzelne davon auch noch mit Perfektion und Hingabe ausübt.

Neben Restaurants in Wien (NENI, Tel Aviv Beach) und Berlin (Monkey Bar, 25 Hours Hotel), die er zusammen mit seiner Mutter und seinen drei jüngeren Brüdern leitet, ist Nuriel Molcho mit 31 Jahren auch Fotograf, architekturbegeistert, sammelt leidenschaftlich zeitgenössische Kunst und Street Art und um all das noch abzurunden, hat er sich einfach mal selbst das uralte Handwerk der Hutmacherei beigebracht. Unter dem Namen NOMADE MODERNE fertigt er nun also handgemachte Unikate aus Filz. Fast schon Glück, dass der Tausendsassa auch noch Zeit für ein Interview mit mir gefunden hat.

Jules Kay: Wie bist du auf die Idee gekommen, Hüte zu machen?
Nuriel Molcho: Ich selbst trage schon seit langer Zeit gerne Hüte. Ich war daher immer auf der Suche nach einzigartigen Modellen. Es ist aber fast unmöglich, custom-made beziehungsweise Bespoke-Hüte zu kaufen, die auch bezahlbar sind. Custom-made-Hüte unter 1000 Euro sind heute kaum zu finden. Als ich eines Abends in München in einem Club unterwegs war, war da dieser Typ: Er trug den perfekten Hut. Ich fragte ihn also, woher er den hatte, und er meinte einfach, er habe ihn selbst angefertigt. Wir tauschten sofort Nummern aus und am nächsten Morgen stand ich schon in seiner Wohnung, um mir das Ganze genauer anzusehen. Er war es, der mir sagte, welches Werkzeug notwendig sei, um zu starten. Zurück in Wien, rief ich direkt die Hutmanufaktur Mühlbauer an. Dort war man so nett, mich einen Blick auf ihre Produktion werfen zu lassen. Eine große Hilfe war mir auch ein alter jüdischer Hutmacher. Der wurde mir von einigen Rabbis empfohlen, die in meinem Bezirk wohnen. Man könnte also sagen, ein glücklicher Zufall, gute Verbindungen, ein Rabbi und gefühlte 10 000 Youtube-Videos waren der Beginn von NOMADE MODERN.

Woher hast du das Werkzeug für deine Arbeit? Du verwendest ja nur originale Utensilien von früher.
Das Werkzeug zu finden, war sicher der schwierigste Teil des Ganzen. Man braucht viel Glück und Geduld. So hatte ich über eine Flohmarkt-App Gelegenheit, einen alten Herren treffen zu können, dessen Urgroßmutter Hutmacherin war. Ihm kaufte ich gleich eine Schachtel voll mit alten Werkzeugen ab. Der Rest ist eine Sammlung aus aller Welt.



Erleichtert es dir die Arbeit, mit altem Werkzeug zu arbeiten, oder erschwert es sie eher?
Ich finde, gerade die Arbeit mit den klassischen beziehungsweise ursprünglichen Werkzeugen ist das, was die Hüte zu etwas Besonderem macht. Heute werden fast alle Hüte maschinell gefertigt, so geht aber die Individualität verloren. Jeder Hut sieht gleich aus, da er aus derselben Form gestanzt wird. Meine Hüte haben alle kleine Details, die sie von all den anderen Hüten abheben. Daher arbeite ich lieber mit alten Tools. Sie bieten dir die Möglichkeit, genau diese Details perfekt einzuarbeiten. Und warum etwas, was seit Hunderten von Jahren perfekt funktioniert, nicht weiterhin anwenden?

Du reist viel und gern – inspirieren dich deine Reisen zu deinen Hüten?
Der Name NOMADE MODERNE sagt schon sehr viel über das Label aus. Es geht hierbei um einen modernen Nomaden, der durch die Welt reist und sich von verschiedenen Kulturen inspirieren lässt. Alle Hutbänder, die ich verwende, fand ich auf verschiedenen Reisen nach Tel Aviv, LA oder Paris. Es sind aber auch oft fremde Leute, die von meiner Arbeit gehört haben, die mir interessante Stücke zur Verarbeitung zur Verfügung stellen. Ein Jäger zum Beispiel: Er hat mir ausgefallene Vogelfedern zukommen lassen, die er als zu schön für den Mistkübel empfand.

Hüte waren früher, vor allem bei Männern, quasi ein Must-have und Zeichen des guten Stils. Warum, denkst du, waren sie so lange nicht mehr Bestandteil unserer Garderobe?
Hüte gehörten zum Alltag. Damals war es normal, dass Männer denselben Stil hatten. Dazu gehörten auch Hüte. Heute will jeder individuell sein. Leider hat sich die Hutindustrie dem nicht angepasst. Und wenn du, wie gesagt, ein individuelles Teil haben willst, kostet es so viel, dass es für die meisten kaum erschwinglich ist.



Handgefertigtes kostet ja eigentlich entsprechend viel. Hast du dich bewusst dafür entschieden, keine horrenden Summen für deine Hüte zu verlangen, um dieses Fashion-Item wieder »massentauglich« zu machen?
Ich wollte den Leuten die Qual ersparen, für einen Hut, den sie vielleicht nicht allzu oft tragen werden, Hunderte von Euro auszugeben. Niemand soll sich seinen Hut ansehen und denken »Scheiße, warum habe ich bloß so viel Geld dafür ausgegeben?«. Alle meine Hüte kosten 250 Euro. Ich denke, das ist ein Preis, der immer noch für gute Qualität steht und für viele trotzdem bezahlbar ist. 250 Euro gibt man, denke ich, gern für ein handgefertigtes Unikat aus.

Wie findest du neben der Arbeit für eure Restaurants noch die Zeit, Hüte anzufertigen, zu fotografieren, zu reisen und noch dazu deine bezaubernde Freundin bei Laune zu halten? Und all das, ohne gestresst zu wirken?
Ich bin ein sehr organisierter Mensch. Es gibt kaum eine Minute meines Tages, die nicht durchplant ist. Ich weiß ganz genau, was ich am heutigen Tag machen und erledigen möchte. Wenn andere Menschen abends vor dem Fernseher liegen und entspannen, sitze ich an meinem Tisch und arbeite an Hüten. »Every second counts«, könnte man also sagen.

Während des Interviews läutet Nuriels Handy. Seine Freundin Audrey, die für den Feinschliff der Hüte zuständig ist, reicht ihm das Telefon. Ein Arzt, der bereits einen Hut in Auftrag gegeben hat, erkundigt sich nach dem Produktionsstand seines Unikats. Entspannt und höflich beantwortet Nuriel alle Fragen – Customer-Service schreibt er ganz groß, auch mitten im Interview.

Könntest du dir vorstellen, dich voll und ganz der Hutmacherei zu widmen und ein Unternehmen wie etwa Mühlbauer aufzubauen? Oder ist es die Abwechslung, die dich alles, was du tust, so gut machen lässt?
Die Abwechslung. Ich liebe unser Familienunternehmen NENI, das könnte und würde ich niemals aufgeben. Hüte sind momentan eine Leidenschaft, ein Handwerk, das mir Spaß macht, aber genauso sehr liebe ich die Restaurants oder auch die Fotografie. Ich würde nicht eines für das andere aufgeben. Warum auch, wenn sich alles vereinbaren lässt.



Wenn jemand, den du noch nicht kennst, einen Hut bei dir in Auftrag gibt und dich ohne konkrete Wünsche darum bittet, einen Hut zu fertigen: Worauf achtest du bei dieser Person, um ein individuelles Stück zu erschaffen?
Am besten funktioniert es natürlich, wenn man die Person persönlich kennenlernen kann. Wenn das aufgrund zum Beispiel der Distanz nicht möglich ist, versuche ich, durch ein Telefonat oder Foto herauszufinden, wer dieser Jemand ist und wie er aussieht. Hobbys sind auch ein guter Hinweis auf die Vorlieben eines Menschen. Ich hatte einen Kunden, der von Beruf Fotograf war. Anstelle eines Hutbands aus Rips habe ich bei ihm einen Vintage-Kamerafilm genommen.

Worauf sollte man achten, wenn man sich den Hut seiner Wahl nicht maßschneidern lässt?
Das Wichtigste, was ich allen unseren Kunden sage, ist, »Trage den Hut mit Selbstbewusstsein«. Anfangs fühlen sich viele noch unwohl dabei. Viele meiner Kunden haben noch nie einen Hut getragen. Das merkt man sofort an der Art, wie sie sich vor dem Spiegel betrachten. Wenn man diese Leute dann aber nach ein paar Wochen wieder trifft, sind sie andere Menschen. Wenn du nämlich ein Kleidungsstück mit Leidenschaft und Selbstbewusstsein trägst, steht es dir.

Wenn du für eine Person deiner Wahl einen Hut anfertigen könnest, wer wäre das?
Die nächsten Hüte würde ich für meine Familie machen. Besonders gerne für meine drei jüngeren Brüder Elior, Ilan und Nadiv. Denn wenn man eine Person besonders gut kennt, macht es umso mehr Spaß, für sie etwas Individuelles zu kreieren.
 
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Stand:21 November 2018 10:03:36/editorial/der+hutmacher_171.html