Portrait Fotografin Kim Höhnle - Die Schönheit im Unperfekten

03.06.2016  |  Text: Boris Glatthaar  |   Bilder: Kim Höhnle
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Portrait Fotografin Kim Höhnle - Die Schönheit im Unperfekten
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Die 31-jährige Fotografin Kim Höhnle schafft es, dass Menschen vor ihrer Kamera nicht nur ihre Hüllen, sondern auch jegliche Fassade fallen lassen. In einer Atmosphäre großen Vertrauens öffnen sich die Menschen und haben den Mut, auch ihre Makel zu zeigen. Viele wachsen an dieser Erfahrung.
Immenstaad ist nicht der Ort, in dem man große Fotografie vermutet. Berlin, Köln, Düsseldorf, Hamburg – das sind die Hotspots der Fotografen, der Agenturen, der Models, des kreativen Business um Schein und Schau. Und tatsächlich ist Kim Höhnle erst vor Kurzem aus Berlin zurückgekommen, wo sie inzwischen einen großen Teil ihrer Zeit verbringt, eine zweite Wohnung hat, arbeitet. Aber Immenstaad am Bodensee, diese pittoreske Gemeinde, die zur Hauptsaison auf ein Vielfaches ihrer 6000 Einwohner anschwillt, ist und bleibt ihre Heimat. Die Familie nicht weit nebenan, die Straßen seit Kindheit bekannt, so viele Erinnerungen und die Aterlierwohnung unter dem Dach, eine gemütliche Mischung aus Küche, Wohnzimmer und Studio. »Ich shoote viel in meinen vier Wänden«, sagt Kim, »das ist das Privateste, das ich zeigen kann. Ich möchte es demjenigen, der sich vor meine Kamera stellt, so vertraut wie möglich machen.« Nur so können Bilder entstehen, die nicht einfach nur Fotos sind. Sondern stattdessen Dokumentationen eines kurzen Momentes besonderer Echtheit, der aus dem Vertrauen zwischen der Fotografin und dem Menschen vor ihrer Linse erwächst. »Es gibt nur eines, das man wissen muss, um meine Arbeit zu verstehen: Ich liebe den Menschen. Er und seine Seele sind mir wichtig.« Wer ihre Fotos in dem Wissen betrachte, dem erkläre sich jedes Bild von selbst.

Schon früh findet Kim heraus, dass Fotografie ihr Medium ist, ihre Möglichkeit, sich auszudrücken. Sie fotografiert als Jugendliche, studiert dann aber Illustration und geht in die Werbung. Nebenbei hat sie immer die Kamera. Als Ärzte bei ihr mit Mitte 20 Krebs feststellen, gibt auch die Fotografie ihr Halt. »Es war natürlich eine sehr harte Zeit«, erzählt sie, sagt aber auch: »Die Krankheit hat mir ermöglicht, mich noch mehr lieben zu lernen.« Selbst nie oberflächlich, erfährt Kim in der schweren Zeit, was es heißt, auf Ablehnung zu stoßen, nur weil sie unverschuldet anders aussieht als Fremde es für normal halten. In einem Club lästern junge Frauen darüber, dass sie keine Haare mehr hat. An ihr selbst prallt das größtenteils ab, sie hat ein starkes Selbstbewusstsein, aber Kim denkt sofort daran, dass manche Menschen solche Reaktionen nur schwer ertragen können, dass in ihrer Seele durch solch schäbige Worte schnell viel kaputt gehen kann. In der Therapie lernt sie Patienten kennen, die sich mit Glatze nicht auf die Straße trauen. »Und ich denke mir: Scheiß doch drauf, geh doch raus! Und wenn du dich mit Perücke wohler fühlst, dann geh halt mit Perücke. Es ist doch scheißegal, wie du aussiehst! Und wenn du Bock hast, dein Gesicht zu tätowieren, dann tätowierst du halt dein Gesicht.«

Foto: Kim Höhnle

Dass Menschen ihr Sein verstecken, treibt Kim um. Sie fängt an, mehr als 250 Menschen mit vermeintlichen Makeln zu fotografieren: Dicke, Dünne, Glatzköpfige, Kranke, Verbrannte – jeweils ein Porträt, wie der Mensch wirklich ist, und eines, wie die Gesellschaft ihn sieht. »Das war der Punkt, an dem sich für mich in der Fotografie viel verändert hat. Ich wollte den Menschen nun zeigen, wie er ist. Am liebsten ohne Kleidung, weil ich finde, dann kommt die Seele zum Vorschein.« Sie schafft es, dass Frauen und Männer vor ihr und der Kamera alle Fassade ablegen, den unverfälschten Ausdruck ihrer augenblicklichen Gefühle zulassen und nicht nur ihre polierte Seite präsentieren. Kurzum: sich selbstbewusst zeigen. Wie sie sind. In aller Verletzlichkeit.

Für ihr Projekt »Soulfood« fotografiert sie 300 Frauen am Strand. Alle nackt, viele nicht perfekt im Sinne eines abstrusen Schönheitsideals, aber für Kim alle perfekt als Mensch mit ihren Wunden, die das Leben gerissen hat und die mal mehr, mal weniger verheilt sind. »Einige Menschen, die ich für ›Soulfood‹ fotografiert habe, haben sich selbst so noch nie so gesehen. Ich lasse die Fotos unretuschiert. Klar, ich frage die Leute, ob es irgendwelche Narben oder Leberflecke gibt, die ich wegmachen soll. Die mache ich dann weg, gebe aber immer auch das unretuschierte Bild hinzu. Und ganz oft ist es dann so, dass die Menschen dieses Bild sehen und sagen: ›Genau das! Das ist mein Bild, das bin ich, und deshalb liebe ich mich.‹ Für mich ist der Mensch am schönsten, wenn er am ehrlichsten ist, und das empfinden die Leute dann häufig auch so.«

Kim glaubt, dass die Menschen eine gewisse Sehnsucht verspüren, sich wieder so zu zeigen, wie sie sind. Dass das der Grund ist, weshalb sie aus ganz Deutschland zu ihr kommen, Teil von »Soulfood« werden wollen. »Wir bekommen durch die Medien, durch die Werbung immer nur eingebläut, perfekt sein zu müssen, 90-60-90. Alles ist so retuschiert, dass man sich selbst nicht mehr erkennt. Ich habe das Gefühl, es geht für viele wieder back to the Basics.« Und das aus gutem Grund: Einige der ausdrucksstärksten Bilder überhaupt seien die von alten Menschen, weil sie extrem viele Falten haben. Furchen, die die Jahre gezogen haben und die Geschichten erzählen. »Warum soll ich das, was dich ausmacht, wegmachen? Ich bin davon überzeugt, dass diese Echtheit das ist, was die Leute, die zu mir kommen, zeigen wollen. Natürlich ist das mit Angst verbunden, vor allem, weil diese Fotos später auch andere sehen. Aber ich versuche, ihnen die Angst zu nehmen.«

Sich fallen lassen, ganz im Vertrauen zur Fotografin. Kim sagt: »Sei so, wie du bist. Und wenn es dir gerade dreckig geht, dann macht es keinen Sinn, wenn du mir gute Laune vorspielst.«

Kim schafft das, indem sie sich alle Zeit nimmt, die diese kurze, aber intensive Beziehung zu dem fotografierten Menschen braucht, um aufzublühen. Und weil sie viel von sich selbst preisgibt, sich verletzlich zeigt. »Weil wir gegenseitig von uns erzählen, kann ich beim Shooting gut auf die Geschichte eingehen und merke, wie es bei vielen Menschen im Kopf anfängt zu arbeiten. Dass sie manchmal sogar anfangen zu verarbeiten. So sind tatsächlich ein paar Bilder entstanden, die ich gar nicht angucken kann, weil sie mir selbst so nahe gehen.« Das zehrt regelmäßig an Kims Kräften, selten beendet sie ein Shooting in Jubelstimmung, sondern bleibt nachdenklich zurück. »Aber es ist das Schönste, wenn ich nachher das Ergebnis und die Leute glücklich sehe.« Ihre fotografischen Begegnungen vergleicht sie daher mit Sex: »Es ist Vertrauen, das du mir schenkst und das ich dir schenke. Wir gehen miteinander bis zu einem Höhepunkt und dann lassen wir das ganz ruhig ausklingen. Was dabei entsteht, ist eigentlich immer etwas sehr, sehr Schönes.«

Ihre Fotos gibt Kim nahezu ausschließlich in Schwarz-Weiß heraus. Sie findet, dass dann nichts ablenkt vom Menschen und seiner Seele. Nicht einmal bei Tattoos gehe durch den Verzicht auf Farbe im Bild etwa verloren, denn der Kontrast auf dem Körper spreche für sich. »Tätowierte Menschen üben eine große Faszination auf mich aus. Sie und ihre Geschichten sind ein wundervoller Teil von ›Soulfood‹.« Für Kim ist das längst kein Projekt mehr, sondern Beschreibung ihrer Arbeit an sich. Schnell ein Foto zu knipsen, die Person vor der Linse bloß als fotografisches Objekt anzusehen, kommt für sie nicht infrage. »Die Menschen vertrauen mir. Das ist ein Geschenk, das mich überwältigt.«
 



KIM HÖHNLE
Die 31-jährige, selbstständige Fotografin Kim Höhnle lebt und arbeitet in Berlin und Immenstaad am Bodensee. Sie ist bekannt für ihre aussagestarken Schwarz-Weiß-Foto­grafien von Menschen, die nicht nur in ihren freien Arbeiten die Hauptrolle spielen. »Bei meiner Arbeit bin ich immer 1000-prozentig ich, also muss ich auch 1000 Prozent geben. Da gibt es keine Distanz mehr.« Das gilt auch für Auftragsarbeiten, bei Pay Shoots zum Beispiel für Modelabels. »Ich muss mich in dem, was ich tue, widerspiegeln. Deshalb laufen meine Shootings grundsätzlich nach meinen Spielregeln ab. Nicht, weil ich arrogant wäre, sondern, weil mein Bild einfach mein Bild ist.«
www.kimhoehnle.com
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Stand:21 November 2018 10:04:03/editorial/die+schoenheit+im+unperfekten_165.html