Fetisch-Fotos im Fashion-Look

14.09.2018  |  Text: Boris »Bobs« Glatthaar  |   Bilder: Gili Shani
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Fetisch-Fotos im Fashion-Look
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Eher zufällig kam Gili Shani mit der Berliner Club- und Fetischszene in Berührung, heute taucht kein anderer Fotograf so tief in ein Nachtleben voller Ausgelassenheit und Leidenschaft ein wie er. Aus seinem Drang nach Originalität heraus verwirklicht der 45-Jährige immer neue Ideen – fotografisch wie auch als Mitgründer einer Brillenmarke
Gilis Einstieg in eine andere Welt dauerte nicht ganz eine Woche. Damals, vor dreizehn Jahren, flog er auf Einladung eines Partyclubs nach Berlin und lernte die flirrende Hauptstadt kennen: Das Nachtleben, die Subkulturen, die inspirierenden Kieze mit ihren Bewohnern und Gästen, die ihm alle sehr frei vorkamen, die ihr Ding machten und aussahen, wie sie wollten. Für den knapp dreißigjährigen Modefotografen aus Tel Aviv ein positiver Kulturschock: »Der Lifestyle, den ich in Berlin haben konnte, war damals in Israel gar nicht möglich«, sagt der heute 45-Jährige. Die bunte Metropole fesselte ihn. Gili spürte, dass die Aufgeschlossenheit der Menschen viel mehr seiner Persönlichkeit entsprach als der enge Geist, der damals seiner Ansicht nach noch in dem Land herrschte, in dem er geboren und aufgewachsen war. Also entschied der Fotograf kurzerhand, in den Nahen Osten zurückzufliegen, seinen Job und sein Leben dort aufzulösen und ganz nach Deutschland zu gehen. Zwei Wochen später kam er mit Gepäck als Neubürger in Berlin an. 

Auf Partyfotos aus angesagten Clubs hält Gili Shani nicht nur die positive Stimmung fest, sondern dokumentiert und inszeniert auch die Verschiedenheit der Gäste


Seitdem hat sich Gili einen Namen als Partyfotograf in angesagten Hauptstadtclubs gemacht. Vor allem aber ist er längst bekannter Chronist der Berliner und teilweise deutschen und europäischen Fetischszene. Er darf hinter Kulissen fotografieren, wo Außen­stehende nicht einmal ohne Kamera Zugang haben. Seine Fotos von Frauen und Männern in Latex-Wäsche zum Beispiel werden gefeiert, weil sie nicht von Schmuddeloptik, sondern von hochwertig wirkenden Bildlooks aus der Fashionfotografie gekennzeichnet sind. Dadurch erreicht Gili es wiederum, dass selbst auf seinen Fotos von halbnackten Menschen in BDSM-Outfits nicht zwangsläufig ein aufdringlicher Sexualbezug im Vordergrund steht, sondern vor allem Ästhetik.
Dass er einst zum fotografischen Avantgardisten der Fetischszene aufsteigen würde, hätte er damals in Israel selbst nicht gedacht, denn mit Fetisch hatte Gili gar nichts zu tun. Doch er lernte in Tel Aviv eine Frau kennen, die in einem Berliner Club als Performerin arbeitete und der seine Modefotos gefielen. Sie war der Ansicht, Gili könne mit seinem visuellen Vermögen gut auch die Werbung des Clubs gestalten und stellte den Kontakt zu ihrem Chef her, woraus die Einladung nach Deutschland wurde. Als Gili schließlich ganz nach Berlin zog, intensivierte er die Arbeit für den Club und begann, neben der Erstellung von Flyern dort Partys zu fotografieren. Es wurde mehr und mehr, auch für andere Clubs, mit der Zeit kamen zahlreiche Fetischpartys hinzu. »Ich lernte eine sehr bunte und sehr friedliche Szene kennen«, sagt der Fotograf. Und er merkte, dass viele der Fetisch-Liebhaber ihre Outfits nicht nur gern trugen, sondern sich auch gern darin fotografieren ließen – also begann er, Sets mit ihnen zu shooten und seine Bekanntheit so auszubauen. Nachts hing er viel in den Clubs ab, kannte die Leute, viele seiner Freunde entstammten der Szene. »Ich liebte einfach die Atmosphäre, die Freiheit und die Aufgeschlossenheit der Menschen dort.« Viele Jahre lief das gut, doch etwas veränderte sich.

Gili Shani: »Ich suche immer nach dem Speziellen in meinen Motiven, du brauchst ein gutes Auge«

Die Szene und die Partylandschaft seien mit der Zeit immer weiter ausgedünnt, sagt Gili. Wo früher Latex genauso wie Tattoos noch ein Zeichen der Individualität und der Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Menschen mit demselben Mindset gewesen seien, habe der Mainstream sich diese bedeutungsschweren Artefakte einverleibt und zu sinnleeren Accessoires umgedeutet. Das Ergebnis sei ernüchternd: Heute sei ein Tattoo kaum noch einzigartig und besonders, heute finde man Fetischoutfits als fancy Zubehör bei normalen Discoabenden und echte Fetisch-Partys, auf denen Leidenschaft und Sexualität wirklich noch eine Rolle spielten, seien rar geworden. Wem es wirklich um seinen Fetisch gehe, der finde lediglich auf einigen Großevents wie dem German Fetish Ball und seltenen tatsächlich authentischen Clubabenden noch Gleichgesinnte. Auf die konzentriert sich Gili inzwischen. Er ist zum Beispiel Hausfotograf der Partyreihe »Gegen«, auf der jenseits einer zur Schau getragenen Scheinindividualität in den Berliner In-­Kiezen das kantige Anderssein noch ordentlich zelebriert wird.
Der Grund dafür, dass der Fotograf diese Partys bis heute so liebt, ist nicht nur seine persönliche Freude an aufgeschlossenen Menschen, sondern auch häufig ihre optische Reizwirkung: »Ich suche eben immer nach dem Speziellen in meinen Motiven, denn als guter Fotograf brauchst du vor allem ein gutes Auge«, sagt Gili. Das sei heute wichtiger denn je. Schließlich mache in Zeiten, in denen jeder hochwertige Technik günstig kaufen und sie immer sicherer anwenden könne, vor allem der Blick fürs Wesentliche den Unterschied zwischen Profifotografen und Hobbyknipser aus. Sein Stil entwickele sich aus demselbem Grund immer deutlicher zu einer Einfachheit hin, die in starkem Kontrast stehe zu der mit Filtern, Retusche und Beiwerk überladenen Jeder­mannknipserei.
 
Schwarz-Weiß-Fotos wie dieses aus der Serie für Gilis eigenes Brillenlabel »Kreuzbergkinder« wirken nicht nur wie erstklassige Fashionaufnahmen, sondern unmittelbar wie eine Hommage an den legendären und von Gili verehrten Fotografen Helmut Newton

Stilistisch inspirieren ließ sich Gili früh vom legendären Modefotografen Helmut Newton, ansonsten vor allem von Filmen und Serien, in Sachen Bildlook und Storytelling etwa von »The Handmaid's Tale: Der Report der Magd«. Ansonsten schaue er sich wenig bei anderen ab, sondern folge seinen eigenen Einfällen und mache, was er fotografisch gerade so mag.

So etwa die Schwarz-Weiß-Fotografie von Menschen, die er mit Brillen der neuen Marke »Kreuzbergkinder« ablichtet. Im Flagship­store in Berlin finden regelmäßige Partys statt, dabei shootet Gili mit Gästen, weil er das authetischen und vielfältige Berlin abbilden will. Zugleich sind die Fotos Marketinginstrument in eigener Sache, und zwar über sein fotografisches Portfolio hinaus: Nach mehr als einem Jahr der Planung und Vorbereitung zog Gili gemeinsam mit Partnern in Berlin, Israel und Italien »Kreuzbergkinder« als Unternehmen für Brillendesign und -herstellung selbst auf. »Für mich selbst habe ich nie wirklich ausgefallene und coole Brillen gefunden, also musste ich sie selbst entwerfen und produzieren lassen«, sagt er. »Normales langweilt mich einfach.«

Kontakt
Gili Shani
Der 45-jährige Fotograf stammt aus Tel Aviv und wohnt in Berlin. Gili shootet nicht nur Fashion, Fetisch, Partys und People, sondern war mit seinen Fotos bereits in den ersten Ausgaben von TATTOO EROTICA vertreten. Außerdem ist er Mitgründer der Brillenmarke »Kreuzbergkinder«.
www.gilishani.com

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Stand:19 December 2018 05:30:26/editorial/fetisch-fotos+im+fashion-look_18910.html