Mit gespaltener Zunge

11.05.2018  |  Text: Cassidy Rose  |   Bilder: siehe Einzelnachweis
Mit gespaltener Zunge Mit gespaltener Zunge Mit gespaltener Zunge Mit gespaltener Zunge Mit gespaltener Zunge Mit gespaltener Zunge Mit gespaltener Zunge
Mit gespaltener Zunge
Alle Bilder »
Aufregend und sinnlich sieht es aus, wenn zwei Zungenspitzen umeinander tanzen, entlang der Zähne und Lippen gleiten und neckisch locken. Betörend, aber ebenso irritierend ist der Anblick einer gespaltenen Zunge für den Betrachter – vor allem, wenn er das zum ersten Mal sieht. Fünf junge Frauen über ihre Erfahrungen mit zwei Zungenhälften.
War es im byzantinischen Reich noch eine gängige Strafe, um Menschen von der Kaiserwürde auszuschließen, ist das Zungenspalten seit den frühen 1990er Jahren eine immer beliebter werdende Bodymodification. Dabei wird die Zunge, ausgehend von ihrer Spitze bis hin zur Mitte oder anders herum, so eingeschnitten, dass zwei mehr oder weniger unabhängig voneinander bewegliche Zungenhälften entstehen. Das erscheint dann wie bei einer Schlange – dem Tier, das wie kein anderes die Sünde verkörpert.

Fünf Frauen, die sich die Zunge haben spalten lassen, sprechen über ihre Erfahrung. Wie schlimm war der Eingriff? Wie reagiert das Umfeld? Und vor allem: Wie lebt und küsst es sich mit gespaltener Zunge?

 

Aenn VonCore


Die 30-jährige Aenn kommt gebürtig aus Dortmund, bezeichnet sich selbst als eine echte Ruhrpottgöre, die kein Blatt vor den Mund nimmt. Aenn arbeitet als Tätowiererin in ihrem eigenen Tattoostudio VonCore Tattoo – in der Schweiz, nicht im Pott. Der wunderschöne Bodensee, direkt am Dreiländereck, ist ihr neues Zuhause. Ihre Tattoos lassen sich nicht mehr zählen und zu sechzehn Piercings gesellen sich einige weitere Bodymodifications. So hat Aenn ein Cutting auf dem Bauch, einen RFID-Chip in der Hand, ein Silikonimplantat im rechten Arm und eben eine gespaltene Zunge.

Foto: Lumina Obscura. MUA: Pinselstrich XY Make-up, Hair, Nails

Bereits mit zwölf Jahren wusste Aenn, dass sich eine einteilige, normale Zunge für sie »nicht richtig« anfühlt. 2012 ließ sie sich dann ihre Zunge schneiden. Während des Vorgangs fühlte sich Aenn nicht unwohl, hatte aber Sorge, dass sie danach nicht mehr normal sprechen könne. Diese Sorge sollte sich zum Glück jedoch nicht bestätigen. Allerdings verlief der Heilungsprozess bei ihr nicht so gut, so verbrachte Aenn ihre zwei Wochen Urlaub mit Nachblutungen. An Tag drei musste an einer der beiden Zungenspitzen sogar eine Art Blutblase weggeschnitten werden. Aufgrund der Schwellung konnte Aenn den Mund tagelang nicht richtig schließen. Dennoch: Die gespaltene Zunge sieht die sportliche Aenn mit den wilden Dreads als eine Komplettierung ihres Körperbildes. Ihr Umfeld reagiert interessiert und zum Großteil positiv auf ihre Bodymodifications. Damit steht sie als Tattoomodel »Aenn Suicide« ab und zu vor der Fotokamera. Extremes Aussehen findet sie erotisch. Die gespaltene Zunge hat ihr Liebesleben jedoch nicht groß verändert, es scheint, als sei diese Bodymodification für ihr Gegenüber interessanter als für sie selbst. Wenn Aenn nicht tätowiert oder modelt, beschäftigt sie sich mit Bodybuilding und gesunder Ernährung.


Sally

Die 25-jährige Sally hat kurdische Wurzeln, ist aber in Köln geboren und aufgewachsen. Hauptberuflich arbeitet sie als Barkeeperin und hat vor ein paar Jahren das Modeln für sich entdeckt. Als »Svlly x Toon« steht sie regelmäßig vor der Kamera. Bis auf ein paar kleinere Körperstellen, den Bauch und den rechten Oberschenkel ist Sally komplett tätowiert. Auch Piercings mag sie sehr, so zieren bereits zwölf Schmuckstücke ihren Körper.


Foto: Fotocologne, Model: Sally


Die Ohrläppchen hat die quirlige Kölnerin auf 40 Millimeter gedehnt und weitere Bodymodificatios wie Implantate sind in Planung.  Mit 23 Jahren ließ Sally sich die Zunge spalten, sie war nervös vor dem Eingriff, aber große Ängste waren keine da. Ihre Zunge war danach ein paar Tage lang angeschwollen, sodass Sally kaum etwas essen konnte, aber bereits nach sieben Tagen wurden alle Fäden gezogen. Da sie einen weiten Schnitt hat, der nach dem Eingriff nur minimal zusammengewachsen ist, musste die Zunge nicht erneut nachgeschnitten werden. Die ersten Tage nach dem Eingriff hat Sally gelispelt und ihre Mutter war nicht begeistert. Im Sommerurlaub in der Türkei hat eine Urlauberin beim Anblick von ihrer Zunge sogar angefangen zu schreien. Die meisten Menschen sind jedoch sehr interessiert.  Das Küssen mit gespaltener Zunge findet Sally prickelnd.



Siona

Siona ist 35 Jahre alt, sie lebt und arbeitet als Tätowiererin bei Artistocrat in Hamburg. Neunzehn Tattoos und vierzehn Piercings zieren ihren schlanken Körper. Bodymodifications findet sie großartig und so ist sie bereits Trägerin eines Implantats in Sternform auf der Brust und hat Elfenohren. Ihre Scarification auf der Wange ist so gut abgeheilt, dass man die Narben kaum noch sehen kann, und so ließ sie sich einfach ein Tattoo an die Stelle stechen. Siona ist von neuen Bodymodifications angetan. Sie und ihr Freund ließen sich vor einem Jahr gemeinsam die Zunge spalten. Den Vorgang an sich beschreibt Siona als »super easy«.


Fotos: Thomas Sprenger, Model: Siona

Das Schneiden war gefühlt in einer Minute vorbei, nur das Nähen dauerte etwas länger. Schmerzen kamen erst nach etwa zwei Stunden. Die Zunge war stark angeschwollen, ihre Aussprache in den ersten Tagen katastrophal. Ihr Freund und sie unterhielten sich tagelang nur per App. Bis Siona die Buchstaben S und T wieder komplett fehlerfrei aussprechen konnte, dauerte es etwa vier Wochen. Ihre Zunge ist insgesamt aber schnell verheilt und bloß minimal zusammengewachsen. Das Paar ist sehr happy mit den Ergebnissen, beide wollen sich die Zungen aber noch einmal etwas weiter einschneiden lassen.
Außer im Bezug auf die Optik sieht Siona bei einer gespaltenen Zunge  keine Vor- oder Nachteile. Zu Beginn, kurz nachdem die Fäden gezogen waren, war die Zunge noch sehr sensibel. Das war für sie äußerst spannend beim Küssen – auch, weil beide erst lernen mussten, die Zungenhälften zu koordinieren. Sionas persönliches Schönheitsideal ist auf jeden Fall immer eines, das aus der Reihe fällt. Sie mag es extrem und ausgefallen.



Karin

Die 21-jährige Karin lebt in Basel.  Als Alternativmodel ist sie unter dem Namen »Sirene Bones« bekannt, macht aktuell eine Ausbildung zur Tierpflegerin und würde gerne das Tätowieren erlernen.
Karin hat bereits siebzehn Tattoos und sieben Piercings, drei davon im Gesicht. Ihre Brustwarzen sind in Herzform tätowiert und ihre Zunge ließ sie sich im Sommer 2017 spalten.

Foto: Janine Küffer Photography. Model: Sirene Bones

Schon als Kind wollte Karin einfach anders sein. Der Vorgang des Zungespaltens verlief dank guter Beratung und professioneller Ausführung reibungslos, sagt sie. Karin konnte ab dem ersten Tag wieder sprechen und essen. Ihre Freunde sind von ihren Bodymodifications beeindruckt. Ihr Vater jedoch war erschüttert, als er ihre gespaltene Zunge sah. Karins Familie findet es einfach unnötig, den Körper selbst so zu verändern. Die junge Frau kann laut eigener Aussage mit »08/15-Menschen« nicht viel anfangen. Sie lacht, als sie erzählt, dass sie mit ihrer Zunge nun einen Strohhalm festhalten und sich einen »Milchschnauzer« viel schneller und amüsanter weglecken kann. Das Küssen fühlt sich für sie nun auch ein wenig anders an und sie bestätigt, dass die zwei beweglichen Zungenhälften viele Vorteile für ihren Partner haben.





Hedwig von Hohenstein

Die 25-jährige Hedwig aus Minden arbeitet seit 2010 als Piercerin, modelt seit sechs Jahren und ist seit drei Jahren selbstständig. Hedwig hat aufgehört, ihre Tattoos zu zählen, und schaut lediglich auf die noch freien Stellen. Früher hatte sie viele Piercings, mittlerweile hat sie nur noch drei im Gesicht, zwei Piercings an den Ohren und einen Dermal Anchor im Arm. Hedwig trägt Magnete in den Fingern und in ihrer Hand, in ihrer linken wurde außerdem ein Silikonimplantat eingesetzt. Ihre Ohren ließ sie sich zu Elfenohren verändern. Die Piercerin freut sich über die Möglichkeiten, ihren Körper nach ihren Wünschen verschönern zu können.


Fotos: Hedwig von Hohenstein, Model: Hedwig von Hohenstein

Vor vier Jahren ließ sich Hedwig die Zunge spalten. Der Vorgang an sich war für das Model kein Problem, allerdings hatte sie danach das Gefühl, einen Schwamm im Mund zu haben. Die Zunge war sehr stark angeschwollen, sie hatte Halsschmerzen und das Schlucken fiel ihr sehr schwer. Doch nachdem die Fäden gezogen waren, hatte Hedwig keine Probleme mehr und konnte auch wieder vernünftig sprechen. Der Heilungsprozess gestaltete sich nach den ersten drei bis sechs Tagen gut, Ängste hatte sie keine. Mittlerweile ist die Zunge wieder etwa einen Zentimeter zusammengewachsen. Weil Hedwig weiß, was beim Nachschneiden auf sie zukommt, schiebt sie das vor sich her. Ihr persönliches Highlight ist das Ablecken von Löffeln oder von Kartoffelchips, weil sie nun beide Seiten gleichzeitig ablecken kann. Sie persönlich findet ihre Zunge erotisch und ihr Mann, der sie so kennenlernte, hat sich bisher noch nie beschwert. Hedwig glaubt an einen Vorteil im Liebesleben, ermahnt aber: »Beherrschst du die Technik nicht, ist jedes Hilfsmittel nutzlos.«
 
  Teilen
Topseller im Shop
Topseller im Shop
Stand:17 August 2018 03:24:34/editorial/mit+gespaltener+zunge_18507.html