Nadeln, Schmerz und Schmuck – Play Piercings sind Kunst

16.03.2018  |  Text: Cassidy Rose  |   Bilder: Janina Photography
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Nadeln, Schmerz und Schmuck – Play Piercings sind Kunst
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TATTOO-EROTICA-Kolumnistin Cassidy Rose geht der Lust an Play-Piercings auf den Grund. Gemeinsam mit zwei weiteren Tattoomodels lässt sie sich vorübergehend etliche Ringe in Form eines Musters unter die Haut stechen. Den Schmuck verbindet der Piercer schließlich effektvoll mit bunten Bändern oder macht sie mit langen Federn zu einem schrillen Hingucker nicht nur für den Partyabend …
Es ist also wieder Zeit für eine Dosis Adrenalin. Schon oft habe ich gepiercte Rückenkorsetts bewundert, mich gefragt, ob ich mich das auch trauen würde und was ich davon eigentlich habe? Denn eines wusste ich bereits: Die Piercings können nicht dauerhaft in der Haut bleiben, sie dienen also bloß als vorübergehender Eyecatcher.

Bei meinen Tattoos weiß ich, ich gehe durch Schmerzen und habe ein Leben lang Freude an den Kunstwerken. Für Schmerzen des Erlebens wegen muss ich mich immer erst motivieren. Doch heute war ein guter Tag mich selbst herauszufordern. Ich freute mich seit Monaten auf das Treffen mit Bart Bastiaanse, dem fröhlichen Niederländer, dessen Profession es seit zwanzig Jahren ist, Menschen mit Piercings zu verschönern.

Barts Studio Tribal Trading gibt es seit 1998 in Tilburg (NL), vor zehn Jahren entdeckte der große, volltätowierte Mann dann zusätzlich seine Leidenschaft für Play Piercings. Als wir uns bei Janina, der Fotografin der heutigen Strecke, in Köln treffen, schwärmt Bart von dem besonderen Band zwischen Piercer und »Opfer« bei einer Play-Piercing-Session. Es gehe ums Vertrauen, man lasse sich Zeit, Schmerzen würden überwunden, um etwas von außergewöhnlicher Schönheit zu kreieren. Die Designs, die Bart mit dem präzisen Setzen von Nadeln und Piercings erschafft, sind Kunst.  Das Wort »Opfer« bringt ihn zum Lachen und mich zum Grübeln: »Was mache ich hier eigentlich schon wieder?« Denn ich bin ein Kopfmensch und habe doch so meine Schwierigkeiten mit dem Vertrauen und Loslassen. Doch bestärkt durch die positiven Erfahrungen meines ersten Bondage-Selbsttests (Tattoo Erotica Nr. 32) und durch einen leichten Schubs von Tattoomodel Natalie Addams, die extra für heute aus Berlin nach Köln gereist ist, um sich ebenfalls – und bereits zum zweiten Mal – Play Piercings setzen zu lassen, beende ich mein Grübeln und helfe Bart beim Aufbau seines Equipments.

Tattoomodel Natalie Addams wagte sich bereits auf einer Tattooconvention auf die Liege von Bart Bastiaanse und ließ sich Play Piercings stechen. Auch dieses Mal ist die Berlinerin gerne mit dabei. Bart verziert ihr den Rücken und umrandet so mit den Piercings ihr wunderschönes Rückentattoo. Geschmückt werden ihre Piercings unter anderem mit einer schwarzen Perlenkette

Heute auch mit dabei ist die hübsche Niederländerin Yasmine. Ein durchtrainierter Play-Piercing-Fan durch und durch. Bereits über fünfzig Mal ließ sie sich verschiedene Körperteile mit Piercings von Bart verzieren. Ich frage sie, weshalb sie sich immer und immer wieder Nadeln durch die Haut jagen lässt und erfahre, dass ihr der rebellische Look von Piercings einfach sehr gut gefalle, dass ihr Körper dauerhafte Piercings meist abstoße und sie deshalb die kurzweilige Variante bevorzuge. Sie gehe durch die kurzen Schmerzen, um ihre eigenen Grenzen zu erfahren, um auszutesten, wie viel der Körper in der Lage ist auszuhalten. Sie sei erst einmal über ihr persönliches Schmerzlimit gegangen, und zwar als sie sich den Mund zunähen ließ. Piercings an Armen, Beinen, Dekolletee, Hals und Rücken sind kein Problem für Yasmine, bestätigt sie mir. Sie ist süchtig nach dem kurzen Rausch, dem Adrenalin – und zeigt sich mit den sexy Piercings gerne vor Publikum.

Bart erklärt mir, während er gekonnt die ersten Piercings für heute an Yasmines Beinen setzt, dass Play Piercings wirklich nur für einen Tag oder maximal für ein Wochenende gemacht sind. Die Piercings heilen nicht und so kann man sie nicht dauerhaft tragen.  Behält man die Piercings nur für ein paar Stunden in der Haut, bildet sich fast kein Narbengewebe, trägt man sie jedoch länger, so bleibt auch das Narbengewebe für immer. Bevor man sich Play Piercings setzen lässt, sollte man ausgeschlafen sein, keinen Alkohol getrunken haben und genug gegessen haben. Auch die Nachsorge der kleinen Wunden ist leicht: Die Stelle gut waschen und in Ruhe heilen lassen.

Natalie und ich bewundern, wie tapfer Yasmine beim Piercen ist, und suchen lila Bänder für die anschließende Verzierung aus. Bart entscheidet sich für eine klassische Schnürung und zeigt uns im Anschluss Bilder vorheriger Play-Piercing-Designs: Möglich ist vom klassischen Korsett bis hin zum Spiel mit Injektionsnadeln alles – Muster, Schnürungen, symmetrische Symbole, Injektionsnadeln mit Federn oder Piercings, an die Schmuckketten gehängt werden. Die Auswahl des Möglichen ist groß, der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt.

Natalie Addams und Cassidy Rose

Bart glaubt, dass alle seine stets wiederkehrenden und hauptsächlich weiblichen Play-Piercing-Models Fetischistinnen sind. Sie lieben es zu schocken, nehmen die Schmerzen bewusst hin, fordern ihren Körper heraus und unterwerfen sich dem Piercer. Sie liefern sich dem Schmerz und der Kunst aus. Bart selbst findet schöne gepiercte Frauen sehr sexy und erotisch.   

Er erzählt, dass man ihn und seine Play-Piercing-Modelle unter dem Namen »Needle Pleasures« für Events buchen kann. Es wird vor Ort gepierct und die Ladys tragen im Anschluss die Play Piercings als Walking Act durch die Menge. Veranstalter, die sich eine zusätzliche Bühnenshow wünschen, sollten bei Bart nach dem »Circus of Madness« fragen. Unter diesem Namen verbirgt sich ein spektakuläres Bühnenprogramm aus Piercings, Feuer, Tanz und heißem Poledance.

Als Nächste liegt Natalie auf der Liege und bekommt insgesamt neun Piercings um ihr wunderschönes Rückentattoo gestochen. Ich fühle mich schlecht, als ich merke, dass ihr der Schmerz heute mehr zusetzt als noch beim ersten Mal auf einer Tattooconvention vor ein paar Monaten. Ihr laufen ein paar Tränen hinunter, als sie mir sagt, dass sie heute wohl empfindlicher sei und nicht in Bestform. Doch Natalie ist stark und tapfer, aufgeben kommt nicht in Frage. Als alle Piercings erfolgreich gesetzt sind und mit schwarzen Perlenketten geschmückt werden, steht Natalie schnell wieder mit einem Lächeln vor der Kamera – der Schmerz scheint vergessen. Sie strahlt, als sie uns wissen lässt, dass sie sich nun genauso gut, stolz und ausgeglichen fühlt wie bereits beim ersten Mal, als Bart ihr Play Piercings stach.

Für Natalie sind Piercings eine ästhetische Sache, zum Anschauen sinnlich und an bestimmten Körperstellen auch sehr erotisch. Dass es Paare gibt, die das Spiel mit Nadeln und Piercings in ihr Sexleben mit einbeziehen, kann Natalie nachvollziehen, doch für sie persönlich wäre das nichts.

Die schöne Niederländerin Yasmine ließ sich bereits über fünfzig Mal effektvolle Play Piercings stechen. Auf ihrem durchtrainierten Körper haben diese bisher keine größeren Spuren hinterlassen – denn Play Piercings bleiben nur kurze Zeit zur Zierde in der Haut und verheilen daher sehr gut.
Yasmine ist süchtig nach dem kurzen Rausch, dem Adrenalin, und zeigt sich gerne mit ihren Piercings vor Publikum. Außerdem liebt sie es, ihre eigenen Grenzen auszuloten

Wer das Nadelspiel gerne zum Lustgewinn oder als Bestrafung im BDSM zuhause betreibt, dem rät Bart dringend dazu auf die Hygiene zu achten: Desinfektion und Handschuhe sind Pflicht und es sollte unbedingt nur die Oberfläche der Haut gepierct werden, die Venen dürfen nicht verletzt werden.

Pinkfarbene und blaue Federn – diese habe ich mir für mich ausgesucht. Federn, die an Injektionsnadeln angebracht sind, die nach dem Stechen für eine kurze Dauer im Stichkanal verweilen können und den Körper schmücken. Ich lege mich auf die Liege und vergrabe meinen Kopf in meinen Armen, atme bewusst und kontrolliert ein und wieder aus. Die erste Nadel geht fix durch meine Haut. Schulter, oben rechts. Sechs weitere Nadeln sollen ihr auf der rechten Seite den Rücken hinunter folgen. Je weiter es den Rücken hinunter geht, desto unangenehmer wird der Stichschmerz. Die erste Seite ist geschafft. Sieben Nadeln habe ich nun bereits in der Haut. Ich scherze kurz mit Bart und versuche mich erneut zu konzentrieren und in mich hineinzufühlen – denn nun geht es an die linke Seite: Auch hier folgen sieben weitere Nadeln, verziert mit Federn. Geschafft! Vierzehn Nadeln später bewundere ich das Kunstwerk auf meinem Rücken. Ein bildhübsches Design aus bunten Federn, der Schmerz ist dem Adrenalin gewichen. Ich fühle mich, als sei ich Achterbahn gefahren. Da die Nadeln im Stichkanal bleiben, bin ich empfindlich, wenn jemand »meine« Federn berührt, und so sind Natalie und Yasmine sehr vorsichtig, als wir gemeinsam für ein Gruppenbild posieren.

Für den Kick, die tolle Optik, für das Gefühl von Stolz und um in meinen Körper hineinzuhören, würde ich mich sogar erneut auf ein Play-Piercing-Abenteuer einlassen. Auch die schöne Natalie würde es wieder tun und so sind wir beide richtig glücklich, als wir uns nach Entfernung der Piercings und Nadeln von Bart und Yasmine verabschieden. Alle sind sicher: Wir haben uns nicht zum letzten Mal getroffen – der Fetisch aus Nadeln, Schmerz und Schmuck hat uns gepackt. Temporäre Körperkunst at it’s finest.

 
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Stand:22 October 2018 12:56:18/editorial/nadeln+schmerz+und+schmuck+-+play+piercings+sind+kunst_18313.html