Svenja und der VW Bulli - Schöne Kurven

02.12.2016  |  Text: Heiko P. Wacker  |   Bilder: Dennis Kilch, www.denniskilchphotography.de
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Svenja und der VW Bulli - Schöne Kurven
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Die Briten nennen ihn liebevoll »Splitty«, die Brasilianer »Coruja«, also »Eule«. Hierzulande reden wir schlicht vom T1 oder vom klassischen Bulli: Die sympathische Front und natürlich seine heißen Linien machen ihn zur Legende.
Das erklärt, warum der knackige VW Kult ist – und auch ohne vielzylindriges Gebrabbel unter der Haube ein Womanizer. Vor allem mit einem Camper, wie auf diesen Seiten zu sehen, ist man ganz weit vorn. In welchem Supersportwagen kann man schon Kaffee kochen? Eben! Außerdem bietet das rollende Schlafzimmer noch ganz andere, recht verführerische Möglichkeiten der Freizeitgestaltung.

Das hatten findige Köpfchen schon entdeckt, kaum dass der Lastesel des Wirtschaftswunders 1950 auf den Markt kam. Denn mehr als eine in den Laderaum geworfene Matratze braucht es kaum, um aus dem Kastenwagen des Chefs ein rollendes Wochenendhaus zu machen. Je nach Engagement und Dicke des Geldbeutels entstehen schnell auch die ersten Selbstausbauten in Eigenregie – der Lastesel wird zum Lustmobil, zum Fluchtfahrzeug unternehmungsfreudiger Menschen: »Wochenend' und Sonnenschein ...«, so verheißungsvoll trällert es wieder aus dem Radio.



Das Potential erkennt man natürlich auch im westfälischen Rheda-Wiedenbrück: Dort überlegen die Jungs von Westfalia nur kurz, bevor sie den VW für sich entdecken, und die »Camping-Box« kreieren. Die Einrichtung besteht aus einer Sitzbank, einem Schrank über dem Heckmotor, einem Sideboard hinter dem Fahrerhaus, einem Fach für den Benzinkocher und einer ganzen Menge Polstern, die sich zu einem Liegewiesen-Mosaik kombinieren lassen. Das Konzept wird ein Erfolg: weil man die gesamte Ausstattung bei Bedarf herausnehmen kann – und weil man zu zweit durchaus kuschelige Stunden erlebt im Fernwehmobil. 

Natürlich würde in jenen prüden Zeiten niemand so direkt aussprechen, was oberhalb des anfangs nur 24,5 PS starken Motörchens so alles geschehen kann. Viel lieber verblümeln sich die Werbetexter im niedlichen Jargon der Wirtschaftswunderjahre: »Autowandern mit eigenem Hotel! Das ist heute kein unerfüllbarer Wunschtraum mehr, kein Luxus, den sich nur wenige leisten können«, tönt es aus einem Prospekt von 1956. Und auch an der folgenden Botschaft sollte man sich delektieren: „Eine kleine Bar wird gegen Mehrpreis geliefert; unter der Haube aus Plexiglas haben zehn Cocktailbecher verschiedener Größe Platz. Die Prost-Vitrine steht rüttelfest auf einem gleichzeitig als Serviertisch dienenden Kombischrank.« Wegen der inzwischen auf 30 PS angewachsenen Motorleistung wird die »Prost-Vitrine« – alleine dieser Begriff, wie irre – ganz sicher nicht rüttelfest ausgeführt worden sein. Na ja, der Kenner weiß, weshalb ein Bulli rütteln kann, schweigt und genießt.



Blättern wir lieber ein bisschen in der Historie dieses VW, der im offiziösen Jargon schlicht »Typ 2« genannt wird – »Typ 1« war ja der Käfer, das Modellprogramm war recht übersichtlich, auch wenn ständig neue Varianten hinzukamen. Schon damals profitierte der Transporter von seiner beeindruckenden Vielfalt, sind doch Pritschen ebenso zu haben wie Kastenwagen, Doppelkabinen, Kombis oder eben der »Samba-Bus«. Der gilt mit seiner schicken Rundum- und Dachrandverglasung als ganz besonders teure Variante. Vor allem auch wegen des großen Schiebedachs werden mitunter absurde Preise aufgerufen.

Nicht minder begehrt sind die Camper, womit wir so allmählich beim vierrädrigen Star unserer Geschichte wären, der Mitte der Sechziger gebaut wurde: Inzwischen hatte sich der T1 zum Welterfolg gemausert und auch in Rheda-Wiedenbrück brummte das Geschäft mit dem knuffigen Reisemobil. Und zwar dermaßen, dass man in den USA meist nur mit schierem Glück an einen der beliebten Camper »Made in Germany« kam. Glücklich diejenigen, die einen in Europa stationierten GI kannten, der sich um das plötzlich so beliebte Auto kümmern konnte. Denn eine Sache darf man bitte nicht vergessen: Die USA schwelgten sich just von Heckflosse zu Heckflosse, unter den Hauben werkelte es zumeist achtzylindrig und maximalvolumig. Und ausgerechnet um diese drollige Kiste aus »Good old Germany« reißt man sich plötzlich. Er war eben damals schon Kult.



Weil nun aber der offizielle Handel nicht eben üppig liefern konnte, sprangen Firmen wie »Sundial Camper« aus Kalifornien ein, die sich mehr oder minder stark am Original von Westfalia orientierten, mitunter gar von dort bezogene Elemente verbauten. Lächelnd sprach man schon in den Sechzigern von den »Wesfakias«: Und damit wären wir jetzt wirklich bei unserem verführerischen Fotomodel von einem Camper, handelt es sich doch um einen der extrem seltenen Kalifornier, der sich noch weitgehend im Originalzustand befindet. Alleine das ist schon eine Sensation.

Zu verdanken ist dies dem fürsorglichen – und einzigen – Vorbesitzer, der seinen Augapfel wohl mehr gestreichelt als hart rangenommen haben dürfte. Auch das Klima hat ganz sicherlich seinen Beitrag geleistet, war der Camper doch in Sacramento zu Hause, nachdem Sundial den Wagen im Winter 1966/1967 ausgebaut hatte: produziert wurde er im Dezember, auf die Piste gebracht dann im Januar. Das war dann zugleich das letzte Baujahr des T1, der im Sommer 1967 vom T2 mit seiner Panorama-Frontscheibe abgelöst wurde. Den bald darauf beginnenden »Summer of love« prägte trotzdem der T1, unser geliebter Splitty.

Was genau der Wagen erlebt, und wo er überall gewesen ist mit seinen originalen 42 PS aus vier luftgekühlten Pötten mit 1500 Kubik – das ist im Dunkel der Geschichte versunken, diese Fakten blieben zurück, als der Wagen vor fünf Jahren erneut über den großen Teich schipperte, um fortan in Europa für große Augen zu sorgen. Denn nicht nur Kenner schnalzen mit der Zunge, schauen sie sich die netten Details der Karosserie an, die einfach nur makellos schön ist.

Einzig ein wenig Make-up bekam der eigentlich perlweiße Bulli, dessen Outfit durch den schicken Streifen in grüner Ausprägung deutlich aufgewertet wird: Erstaunlich, wie schön sich eine hübsche Taille mit einfachen Mitteln in Szene setzen lässt. Auch die Weißwandringe gönnte sich der heutige, der zweite Besitzer, der auch den schicken Innenraum ein wenig aufbrezelte. Man munkelt, die Bezüge stammen aus dem Regal der Marke mit dem Stern – weder Eleganz noch Strapazierfähigkeit stehen hier in Frage, während der ebenfalls nachgerüstete Agrarhaken am Heck als Gag verstanden werden darf. Denn dieser Bulli wird ganz sicher nicht auf dem Bau oder dem Spargelacker verschlissen. Was ein Glück.



Ein Glück ist es auch, solch ein Exemplar überhaupt noch aufzugabeln. Denn trotz der US-amerikanischen Liebe zum Bulli – oder vielleicht gerade deshalb – wurden die Kisten ordentlich durchs Land gejagt. Es waren ja »Nutz-« und keine Unnutzfahrzeuge, die auf der legendären Zeichnung des Herrn Ben Pon aus dem Jahr 1947 basieren. Der hatte sich inspirieren lassen vom »Plattenwagen«: Für den Werksverkehr hatten findige VWler aus dem, was sie so fanden in den fast noch rauchenden Weltkriegstrümmern, pfiffige Transportfahrzeuge zusammengeschwartet. Die waren einfach, robust und billig – wie eben später der Bulli auch.

Dass der in so wenigen Jahren zum Kult der jungen Leute werden würde, darauf hätte beim Debüt 1950 wohl keiner auch nur eine halbe Socke gewettet. Und doch wurden bis zum Fertigungsende der ersten Generation mehr als 15000 Campingbusse in die USA geliefert, im letzten Jahr waren es alleine mehr als tausend – und da zählen Busse wie jene von Sundial oder Eigenkreationen begabter Bastler noch gar nicht mit rein.

Fast allen gemein ist dabei die Klappsitzbank samt Bettverlängerung über dem Motor: Die spezielle Hecktriebler-Architektur des Bulli wird perfekt ausgenutzt. Das kann jeder bestätigen, der auch nur eine einzige Nacht in einem Bulli verbringen durfte. Es ist kuschelig, es ist gemütlich. Und vor allem mit charmanter Begleitung ist es niemals langweilig. Und dann ist es eigentlich auch völlig egal, ob man vom Bulli redet, von Splitty oder von der Eule. Denn eine Sache gilt auf jeden Fall: Er mag ein Oldie sein. Aber erwachsen? Nein, erwachsen ist er noch lange nicht. Und das steht auch nicht zu befürchten. Ist das nicht wunderschön?
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Stand:19 December 2018 05:31:50/editorial/schoene+kurven_1612.html