STYLES FÜR DIE LUST

23.11.2018  |  Text: Jula Reichard  |   Bilder: Manuelfocus
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»Think Bigger« war das Motto der zweiten Avantgardista in München. Bei dem einzigartigen Fashion-Fetisch-Event präsentierten sich dieses Mal über dreißig Designer, rund hundertsiebzig Models und betörend schöne Gäste
Gespannt sitzt sie mit elegant überschlagenen Beinen in der ersten Reihe am Runway, der stilettobesohlte Fuß wippt in freudiger Erwartung. Ihr Schuh spiegelt sich auf dem weißen, hochglänzenden Laufsteg, daneben tanzen die Lichter, die alles in Szene setzen. Noch wenige Minuten bis zur großen Fashionshow. Die Begleitung reicht der Dame ein Glas prickelnden Proseccos. Sie nippt genüsslich daran, es kühlt so schön. Im Kohlebunker steigen die Temperaturen mit jedem weiteren Besucher, der einen Platz am Laufsteg ergattert. Hier reihen sich in Latex-Catsuit gehüllte Dominas an elegant-casual gekleidete Paare, Männer mit Masken an junge Modeblogger. Ein außergewöhnliches Bild und doch ist es stimmig, denn alle sind aus einem Grund gekommen: Gleich wird es um ganz besondere Mode gehen. Eine, die anders ist, die eine Ansage macht, extravagant, offen und betörend – bloß nicht gewöhnlich. Attribute, die auf das Publikum der Avantgardista genauso passen wie auf die Designs, die dort präsentiert werden. Der pompöse Auftritt von Entertainerin Gloria Gray besiegelt die Vorahnung – die nächsten Stunden halten Großes bereit.



Die Avantgardista in München steht für die Verschmelzung von Fetisch und Fashion. Doch die Macher gehen 2018 sogar noch ein Stück weiter, ihnen gelingt, was man von der High Fashion kennt: Aus Mode wird Kunst. Wo es in der ersten Ausgabe der Avantgardista 2017 noch verhältnismäßig viel reine Fetisch-Mode zu sehen gab und es vor allem darum ging, auch völlig unbedarften Besuchern zu zeigen, wie modisch Latex, Lack und Leder aussehen können, erweitern in diesem Jahr viele weitere Aspekte das Repertoire. Einundreißig Labels präsentieren ihre Mode im Showroom im Münchner Kohlebunker.

Das sind mehr als doppelt so viele wie im Vorjahr. Darunter befinden sich neben Klamottenlabels auch Schmuck- und Schuhdesigner. Einundzwanzig von ihnen präsentierten sich bei der Fashionshow auf dem Laufsteg dem modehungrigen Publikum.

»All you need is love ...«, ertönte es bei der Fashionshow von Designer Benno von Stein. Das Highlight? Das Braut- und Bräutigamoutfit aus Leder

Wer München kennt, der weiß zwar, wie modebewusst ein Großteil der Stadteinwohner etwa auf der Maximilianstraße flaniert und nicht nur dort auf sein äußeres Erscheinungsbild Wert legt, doch mit dem, was beim Avantgardista-Wochenende im Kohlebunker geboten wird, hat das herzlich wenig zu tun. Man könnte fast meinen, jetzt ist endlich mal was los in der blauweißen Stadt. Ausgerechnet im konservativen München Herren in Harness-Geschirren über grauen Anzügen von Designeren Sara Notsch loszuschicken, ist so mutig wie logisch zugleich. In Berlin hat so etwas jeder schon gesehen, doch in Bayern ist das etwas Neues, Gewagtes. Alternative Fashion, die ihre Inspiration in verruchten Gefilden findet, feiert gerade ihre Hochphase. Das sieht man, wenn man sich die Pariser Fashionweek der vergangenen drei Jahre anschaut und offenen Auges durch die Häuser einer großen schwedischen Modekette geht. Lackleggins zu Oversize-Shirts oder Choker-Halsbänder, an denen BDSM-Freunde eine Leine befestigen würden, werden jetzt zum Blümchenkleid im Alltag getragen. Doch ganz so profan wollte man es auf der Avantgardista nicht halten – zum Glück. Promotet wurde, was Mode eben auch ist: purer Luxus.

Wer sich traut, kombiniert Latex-Leggins zu Chucks in der Bar

Hochwertige Materialien, ausgefeilte Schnitte, vieles davon handgefertigt in kleinen Ateliers – das hat seinen Preis. Das ist auch fernab von Fetisch-Events tragbar, aber lange noch keine Mainstreammode. Wer sich die Looks im Showroom anschaut, dem will vielleicht zunächst noch keine Idee kommen, wie daraus ein cooles Styling entstehen kann, das draußen funktioniert. Das ändert sich jedoch mit der Fashionshow am Abend, die hierzu reichlich Inspiration bietet. So werden die sündhaften Overknee-Stiefel des Designers Fernando Berlin und die zarten Harness-Geschirre von Tight Laced plötzlich edgy und cool, wenn sie zu weißen Baggy-Trousers und Bustier-Top getragen werden. Das funktioniert ohne Probleme im Hip-Hop-Club oder beim Musikfestival. Ein weiteres Beispiel liefert das Label Chronomatic. Zwar tritt hier hochglänzendes, hautenges Latex ins Scheinwerferlicht, doch kombiniert wird das elegante kleine Schwarze nicht etwa mit waffenscheinpflichtigen Plateaustiefeln, sondern mit edlen Pumps. Die rote Latex-Leggins wird mit einem lässigen Baumwollshirt kombiniert. Wer sich traut, trägt das beim nächsten Barbesuch zu Chucks oder Dr. Martens.

Wie aus einer anderen Dimension: So präsentierte Designerin Tatjana Warnecke ihre Mode. Das hatte Grusel- und Entertainmentfaktor

Für einen fulminanten Showauftakt sorgt das Label Benno von Stein. Es zählt seit über fünfzehn Jahren zu den Topadressen in Deutschland, wenn es um hochwertige, außergewöhnliche Ledermode geht. Zum Beatles-Klassiker »All You Need Is Love« schreiten aufregend gekleidete Paare den Laufsteg entlang. An seinem Ende – ein inniger Kuss. Das Bild ist kitschig und sexy zugleich. Die Paare verlassen darauf hin nicht wie üblich bei einer Runwayshow den Laufsteg, sie säumen ihn stattdessen, um Spalier zu stehen. Denn, und hier hat der Designer den Wow-Effekt auf seiner Seite, ein ganz in Leder gekleidetes Brautpaar schreitet zum Altar, Pardon, zum Laufstegende. Das macht Lust auf knapp drei Stunden Mode der anderen Art. Das bunte Publikum jubelt haltlos.
Bondage-Seile schlingen sich um den Körper, als gehörten sie nie woanders hin
Das geschieht noch mehrmals am Abend. Etwa beim großen Auftritt des Labels Kurage aus Tokio, das nahezu verboten-elektrisierende Latex-Kunst präsentiert. Hier reiht sich auch Tatjana Warnecke aus Berlin mit ihrer mystischen Präsentation bestens ein oder Exxzess Latex aus Nordamerika, die mit ihren knallbunten, höchstaufwendigen Designs in andere Welten entführen. Eine der Überraschungen des Abends hat mit Lack, Latex und Leder allerdings so gar nichts zu tun. Es geht eher verträumt und zart zu, der Sexappeal offenbart sich dem, der aufmerksam hinsieht: Das Label Rohmy macht Traumkleider aus zarter Seide, tragbar auf edlen Bällen oder Hochzeiten. Das Besondere sind die Bondage-Seile, die zum festen Bestandteil der Roben gehören und sich um den
Körper der Trägerin schlingen, als gehörten sie nie woanders hin.

Bondage-Seile schlingen sich um den Körper, als gehörten sie nie woanders hin

Die Zuschauer sind hin und her gerissen zwischen Bewunderung und Staunen. Ihre Blicke sprechen Bände, kein gelangweiltes Abschweifen. Von Kopf bis Fuß wandern ihre strahlenden Augen über extravagante Kleidungsstücke und die schönen Körper der Models. Rund einhundertsiebzig Männer und Frauen registrierten sich im Voraus mit ihrer Sedcard für die Fashionshow. Jeder Designer konnte aus einer Datenbank für sich geeignete Mannequins auswählen. So anmutig und professionell sie den Runway auch entlanggehen, Backstage und am Tag während der Proben und des Fittings herrscht Ausnahmezustand.



Das zu koordinieren ist nun die Aufgabe von Stagemanagerin Carina Meyer-Broicher, die als Projektleiterin in die Avantgardista-Eventplanung seit Beginn involviert ist. »Es war anstrengend, wir sind da an unsere Grenzen geraten. Ich lasse das immer noch sacken«, erzählt sie nach dem Event. Von Stress und Ausnahmezustand hinter den Kulissen spürt das Publikum nichts, und das war auch der Anspruch der Veranstalter. Christian Eberle, Initiator der Avantgardista, blickt auf über zwanzig Jahre Eventerfahrung zurück, bei Carina sind es mehr als zehn Jahre. Die Fetisch-Szene ist beiden schon sehr lange vertraut. Unter dem Label SubRosaDictum veranstalten sie regelmäßig extravagante und sinnliche Partyreihen. Die Avantgardista sollte aber genau das nicht sein: ein Fetisch-Event. Spätestens jetzt mit der zweiten Auflage wurde das sehr deutlich. »Inspiriert hat mich die Berlin Alternative Fashion Week, so etwas hier in München zu etablieren, wäre langfristig natürlich klasse. Die Avantgardista ist dafür ein toller Anfang«, sagt Carina. Da es die Schnittmenge zwischen dieser Art von Mode und Fetisch- und BDSM-Connoisseuren aber zweifelsohne gibt, passte die SubRosaDictum-Aftershowparty toll ins Konzept.
 


Meet and Greet

Schon am Freitag vor der eigentlichen Veranstaltung hatte der Kohlebunker seine Pforten geöffnet. Beim Meet and Greet hatten die vielen Models und Designer Gelegenheit, noch ganz ohne Stress und in zwangloser Runde zusammenzukommen und sich auszutauschen. Die Gelegenheit zum Austausch konnten aber auch andere Besucher nutzen. So war es anders als im Vorjahr diesmal auch schon freitags möglich, Kleidungsstücke anzuprobieren und sich über die Labels zu informieren. Für viele der Anwesenden bedeutet ein solches Wochenende auch immer ein Wiedersehen mit alten Freunden und Kollegen. Da ist es toll, wenn man noch ein wenig Zeit für einander hat. Am großen Tag selbst bleibt davon nämlich wenig. Doppelt so viele Labels wie 2017 und unzählige Models nahmen teil. Und diese lockten auch viel mehr Besucher in die stylische Eventlocation. Die Kapazitäten des Kohlebunkers schienen erschöpft. Allerdings: »Hier in München mal eben einen anderen Veranstaltungsort zu finden, der unseren Vorstellungen entspricht und vom Style her zum Event passt, ist nicht einfach«, sagt Projektmanagerin Carina Meyer-Broicher. »Viele solcher Locations sind bereits geschlossen oder schlicht unbezahlbar.« Für die dritte Auflage einfach in eine große Halle zu wechseln, sei keine Option. Die Veranstalter wollen sich hierzu bald Gedanken machen.

Foto: Shitake Photography

Foto: Shitake Photography


Ausgelassen und sinnlich

Lag der Fokus auf der Avantgardista selbst noch ganz bei alternativer Fashion und sinnlichen Stylings, so widmen sich die Besucher auf der SubRosaDictum Aftershowparty ganz ihren hedonistischen Begierden: ausgelassenes Tanzen, gehaltvolle Drinks, sich spannenden Menschen hingeben, sei es im Gespräch oder wild knutschend. Das war das Bild der Party, die bis zum Morgengrauen andauerte. Die Aftershow trug den Namen Space Intruders, was eine der Partyreihen bezeichnet, die SubRosaDictum regelmäßig veranstaltet. Wie der Name vermuten lässt, trugen Lasershows und Walking-Acts zur spacigen Atmosphäre bei. Die Play-Area mit Andreaskreuz und anderen Spielsachen wurde zeitweilig stark frequentiert.
Wer es aber privater und ohne neugierige Zaungäste mochte, der gab sich dem Blowjob durch seine Begleiterin oder neue Bekanntschaft in einer der Lounges hin. Betörende Bässe und Dark Wave gaben den Takt vor – beim Tanzen natürlich.



Bis in die Morgenstunden wurde auf der Aftershowparty im angrenzenden Kesselhaus ausgelassen gefeiert – sinnlich und zügellos
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Stand:19 December 2018 05:32:09/editorial/styles+fuer+die+lust_181114.html