Tattoos mit Stift und Pinsel

11.09.2015  |  Text: Boris »Bobs« Glatthaar  |   Bilder: Diri-fineArts und Filouino artworks
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Tattoos mit Stift und Pinsel
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Die beiden Künstler Dirk Richter und Filouino zeichnen Menschen mit Tattoos – der eine in Akt, die andere im Porträt. Gemeinsam ist beiden ihre Aussage: Die Darstellung tätowierter Haut verleiht ihren Werken besondere Spannung.
Tätowierungen haben Dirk immer ein bisschen Angst gemacht. Die feinen Linien, die ganzen Details, die verschiedenen Stile: Er konnte sich nicht so recht vorstellen, wie er das alles realistisch in seinen Zeichnungen von Menschen nachbilden sollte. Irgendwann jedoch musste er die Sache in Angriff nehmen. »Ich hatte ein Model, das sehr stark tätowiert war. Ich habe dadurch gelernt zu lieben, wie man Tattoos zeichnet. Inzwischen ist es wirklich zu einem Faible von mir geworden.«

Dirk sitzt in seinem Arbeitszimmer im Dachgeschoss eines Hannoverschen Mehrfamilienhauses an einem großen Skizzentisch, der einst für technische Zeichnungen gedient hatte und den er irgendwann in seinem Architekturstudium billig geschossen hatte. Ein Trümmer von einem Gerät, kein Mensch will das Ding bis nach hier oben schleppen. Aber der Tisch ist genial: Die Fläche lässt sich in die Senkrechte schieben, in dieser Position zeichnet Dirk immer. Und sie ist groß genug für Vorlage und Zeichenblatt. Dirk klebt das Foto von seinem Model mit Malerkrepp auf die Platte, rechts daneben den großen, weißen Bogen dicken Spezialpapieres, auf den er zeichnet. Nur mit Bleistift, er hat eine erkleckliche Auswahl. Viel zu viele, eigentlich braucht er nur zwei oder drei. Dann noch Radierknete und das war’s. Mehr benötigt Dirk nicht.

Unter dem Namen DiRi-finearts gestaltet Dirk nicht nur Auftragsarbeiten, sondern verkauft auch Drucke einiger seiner Werke und gibt Bücher heraus.

Als er mit der Malerei anfing, probierte er andere Techniken aus: Acryl, Pastell, Kreide. All das war nicht sein Ding, weil sich kleine Details kaum richtig darstellen ließen. »Das war für mich der Auslöser, dass ich beim Bleistift hängen geblieben bin.« Er sei ein detailverliebter Perfektionist, für den Tattoos auf gezeichneten Frauenkörpern heute eine willkommene Herausforderung seien. Wovor er sich früher fürchtete, baut er inzwischen sogar zusätzlich in seine Werke ein: Frauen, die eigentlich keine Tattoos tragen, bekommen mit Hilfe seines Stiftes manchmal welche. »Selbstverständlich frage ich vorher, ob ich ihnen ein Tattoo zeichnen darf. Die meisten freuen sich darüber, weil sie dann mal sehen, wie sie mit so einem Hautbild aussehen würden.«

Die Tattoomotive entlehnt Dirk echten Tätowierungen, die er auf Fotos oder auf der Straße sieht, passt sie jedoch seinen Vorstellungen und den Proportionen und Perspektiven des gezeichneten Körpers an. Bei tatsächlich vorhandenen Tätowierungen seiner Models bemüht er sich in der Regel um Detailgenauigkeit, jedenfalls, so weit der Maßstab sie zulässt. Das hat nicht allein mit seiner Liebe zur Genauigkeit zu tun, sondern auch mit Respekt vor dem Hautbild: »Ein Tattoo ist für mich ein Kunstwerk, und wenn ich es in meinen Bildern zeichne, habe ich ein Kunstwerk in dem Kunstwerk.«

Häufig kommt es vor, dass Dirks Fotovorlagen untätowierte Menschen zeigen, sie in seiner Zeichnung nachher aber Tattoos tragen. Viele der Frauen mögen das – sehen sie so doch zum ersten Mal, wie gut es ihnen stehen würde.
 
Für Kunst hatte Dirk schon immer ein Faible. Er versuchte sich selbst früh in verschiedenen Stilen, auch Pin-up- und Comicgrafiken. »Ich liebe Fantasy, ich liebe Science-Fiction. Ich liebe auch Comic und habe diesen Stil versucht. Hat nicht so gut geklappt.« Als er im Studium einen Kurs im Aktzeichnen belegte, setzte Dirk das auch zuhause fort, weil Frauen »einfach einen schönen Körper haben, den ich mir gerne ansehe«. Anders als in dem Hochschulkurs, in dem ein Livemodell in 10 bis 15 Minuten skizziert sein musste, gewöhnte sich der Künstler bald jedoch an, von einer Bildvorlage abzuzeichnen. Einer der Gründe: Seine Werke auf DIN A2, mindestens DIN A3, entstehen mithin in einem Zeitraum von bis zu 100 Stunden. Auch das liegt an den Details. Während Dirk die grundlegenden Körperformen an sich relativ schnell aufs Papier gebracht hat, nehmen Hände, Füße, Haare, Wimpern sowie echte und hinzugefügte Tätowierungen meist sehr viel Zeit in Anspruch – obwohl Dirk nicht einmal hyper- oder fotorealistisch arbeitet.

»Ich mache Auftragsarbeiten, bei denen das Model sagt: Hier hast du ein Porträt von mir, mach daraus was. Ein Porträt reicht mir in der Regel. Ich suche im Netz nach Körpern, die passen, dann werden die Proportionen ein bisschen zusammengearbeitet. Irgendwann habe ich eine ganze Skizze und die zeige ich dem Model. Wenn es passt, ist alles gut. Aber es gibt natürlich auch Auftragsarbeiten, bei denen das Model sagt: Ich möchte genau so aussehen wie auf dem Bild.« Ein Tattoo bekommt Dirk meist trotzdem noch unter.
 
Auch Isabella Chiara zeichnet unter ihrem Künstlernamen »Filouino« Menschen mit Tätowierungen, besonders solche mit Tattoos im Gesicht. »Die ganzen Details sind schöne Übungen für den Superrealismus«, sagt sie. »Außerdem machen Gesichtstattoos Menschen interessanter, auch fürs Malen. Das ist für mich einfach so, keine Ahnung, warum. Manche Menschen lieben auch schlichte Kleider, manche lieben bestickte.«
 
In einem Haus in Tübingen sitzt die junge Frau auf ihrem Bett und lehnt an der Wand, über ihr hängen einige ihrer Bilder, auf der Staffelei gegenüber steht ein unvollendetes. Sie habe, erklärt Filouino, die Technik noch lange nicht perfekt drauf, aber es sei schon ganz ordentlich. Nicht vorzugsweise die Bilder von Tattoomodels, aber vieles macht sie in Öl – ihr Lieblingsgestaltungsmittel, da könne sie die Haut mit den Fingern malen und unheimlich weiche Übergänge erzielen. Den Umgang mit Farben und Kompositionen lernte sie als immer schon begeisterte Malerin selbst, dann auf der Kunstschule. Auch auf einer Modeschule versuchte sie sich einmal, doch das erfüllte sie nicht: »Ich wollte da nicht mit Formen spielen, sondern mit Perlen und Bestickungen Bilder erschaffen.« Im kommenden Jahr fängt Filouino eine Ausbildung zur Tätowiererin an – ganz ihr Thema.

Das Bild zeigt Alessandro Manfredini, der unter anderem wegen seines Bartes immer wieder als Model gebucht wird. Filouino mag die harten Züge.

Vor ein paar Jahren stieg sie selbst in die Tattooszene ein, wie sie sagt, seitdem hat sie mächtig an eigener Tinte zugelegt, viel auch an sichtbaren Stellen wie Armen, Händen, Hals und Gesicht. »Den meisten Menschen sind Gesichtstattoos viel zu krass. Ich habe sehr viele negative Kommentare auf meine erhalten.« Viele Leute seien der Meinung, so etwas zerstöre das Gesicht. Solche Einwände sind für Filouino allerdings kein Problem. Ihr Standpunkt ist klar: »Es gefällt mir, ich liebe es. Ich kann aber nachzuvollziehen, wenn es Leuten nicht gefällt, jeder hat seine eigene Vorstellung von Ästhetik. Ich toleriere Leute, die das nicht mögen, aber ich toleriere keine Intoleranz.« 

Sogar bekreuzigt hätten sich Passanten schon, als sie ihr Gesichtstattoo sahen. Dass es einen Kontrast zu ihren sonst weichen Zügen bildet, ist der Künstlerin dabei freilich bewusst. Schließlich ist genau solch ein Bruch wesentliches Gestaltungsmittel in ihren Bildern. Harte natürliche Gegensätze, etwa zwischen fleischigen Lippen und markanten Wangenknochen, werden durch Tattoos noch unterstützt. »Ich habe meine Ästhetik, was Gesichter angeht.« Wenn sie schön, aber gleichzeitig abgefuckt 
aussehen, mag Filouino das besonders gern. Entsprechend viel Gefühlssache sei es denn auch, Porträts aus dem Internet auszuwählen, die sie als Motiv auf Leinwand oder Papier übertragen wolle. Neben ihrem Gespür legt sie aber auch klare Maßstäbe bei der Auswahl an: So spielt die Menge und Größe der Gesichtstattoos oft eine Rolle. Je krasser, desto besser.

Nicht alle Werke von Filouino sind bestmögliche Eins-zu-eins-Umsetzungen von Fotoporträts, wofür sie übrigens meist um Erlaubnis fragt. In einer Serie etwa, die weniger mit Tattoos zu tun hatte, zeichnete die Künstlerin ihren Porträts ein oder mehrere zusätzliche Augen und bedient sich damit auch an Elementen aus dem Surrealismus. Die Augen stehen für das Zentrum, mit dem der Mensch empfindet – Liebe, Lust, Freude. Aber auch Finsternis spiegelt sich in den Bildern. »Ich bin eigentlich ein positiver Mensch. Aber wenn ich male, dann schalte ich ab und es kommt aus mir heraus. Irgendwie gehört zu mir wohl auch etwas Dunkles.« Ein weiterer Kontrast, der in Filouinos Kunst Ausdruck findet.
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Stand:22 October 2018 12:56:53/editorial/tattoos+mit+stift+und+pinsel_159.html