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Tattoos oder Karriere?

04.03.2016  |  Text: Boris Glatthaar  |   Bilder: M. Fulde/M.Kinder
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Tattoos oder Karriere?
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Patti, Stella, Thaias und Verena – um mit ihren sichtbaren Tattoos beruflich erfolgreich und zugleich glücklich zu sein, sind die vier stark tätowierten jungen Frauen völlig unterschiedliche Wege gegangen. Gemeinsam ist ihnen eine Erfahrung: Leistung, Kompetenz und Freundlichkeit überstrahlen selbst krasseste Tätowierungen.
Hat sie einen Termin bei der Staatsanwaltschaft, zieht Patti sich einen Blazer an. Auch bei Gesprächen mit der Polizei ist ihr Outfit ganz businesslike. Wenn, wie meistens, trotzdem die Blicke der Juristen und Kriminalisten an ihrem tätowierten Hals hängen bleiben, an den Blüten auf dem Kehlkopf, den großen Raubtierfratzen unter den Wangen und dem Lettering am Kinn, an dem großen Auge oder dem Hundekopf auf den Händen und den bis zu den Nägeln tätowierten Fingern, übergeht sie solche Situationen so selbstverständlich wie selbstbewusst. »Ich bin ein sehr freundlicher Mensch, also stelle ich mich vor und bin aufmerksam, aber komme dann auch zur Sache«, sagt sie. »Vielleicht sind meine Gesprächspartner noch eine kurze Zeit lang irritiert. Sie merken aber schnell, dass sie sich auf Augenhöhe mit mir unterhalten können. Und schließlich wissen sowohl sie als auch ich, warum ich da bin.«

Die 28-Jährige ist da, um Betrüger zu fangen und ihnen einen Strich durch die Rechnung zu machen. Mehr noch: Sie leitet das Anti Fraud Management eines großen Online-Händlers mit mehreren hundert Mitarbeitern. Ihr Job ist es, Unregelmäßigkeiten aufzudecken, Betrugsversuche zu erkennen, Counterfeiting zu bekämpfen, bevor ein Schaden entsteht. Ist es dafür bereits zu spät, verfolgt sie akribisch digitale Spuren und enttarnt bestenfalls die Identitäten der Kriminellen. Sie erstattet Strafanzeigen, kooperiert mit den beauftragten Rechtsanwälten und unterstützt für ihren Arbeitgeber die Ermittlungen von Justiz und Kripo mit Know-how und Auditing-Software. Patti sichert Beweise professionell, damit sie in Straf- und Zivilverfahren verwertbar sind, sucht in Netz und Datenbanken nach kriminellen Zusammenhängen, nach wiederkehrenden Merkmalen der Tat-Ausführung; dem Modus Operandi, wie Kriminalisten das nennen. Und das mit Eifer. »Ich bin eine Einzelgängerin«, sagt sie. »Ich arbeite für mich. Wenn ich mich festgebissen habe, lasse ich nicht mehr los.« Eine digitale Fährte verfolgt Patti auch noch nach Jahren, wenn sie für andere längst kalt wäre. »Irgendwann stolpere ich über eine IP-Adresse, die mir lange vorher schon mal aufgefallen ist«, sagt sie. »Dann lege ich an dieser Stelle wieder los.« Es geht vor allem um Cyberkriminalität, aber auch um Spielarten der klassischen Wirtschaftsstraftaten. Patti arbeitet international.

Was sich »Fraud Prevention and Detection« nennt, ist eine Tätigkeit, die sonst vor allem den Revisionsexperten großer Wirtschaftsprüfungsgesellschaften unterliegt. PricewaterhouseCoopers, KPMG, Deloitte, Ernst & Young – eher konservative Consulting-Konzerne. Kaum vorstellbar, dass dort eine schwersttätowierte Frau von gerade einmal 28 Jahren eine Abteilung für Kriminalitätsbekämpfung verantwortet. Aber bei Pattis Berliner Unternehmen herrscht Start-up-Stimmung. Dort ticken die Uhren anders, sie hat ihren Bereich aufgebaut und sagt: »Meine Tattoos waren hier noch nie ein Problem.«

Früher war das anders. Die Luxemburgerin machte ihren Abschluss an der Wirtschaftsschule, arbeitete dann in traditionellen Unternehmen. »In Luxemburg hatte ich schon viele Tattoos, bis auf die an Hals, Händen und im Gesicht. Weil in Luxemburg in der Wirtschaft alles sehr konservativ und sehr verstellt ist, bin ich nach Berlin gezogen.« Mit 25 fand sie ihren ersten Arbeitgeber in der deutschen Hauptstadt, seitdem verdient sie ihr Geld im Fraud Management. Und hat in Sachen Tattoos ordentlich zugelegt. Zuletzt eine Feder vor dem Ohr. »Hier ist alles viel, viel offener.«

Stella sieht das nicht ganz so entspannt, obwohl auch sie in Berlin bei einem riesigen Online-Händler arbeitet. Die gebürtige Mittelfränkin hat Betriebswirtschaft studiert, war in verschiedenen Unternehmen, zuletzt hat sie ein Web-Start-up auf die Schiene gesetzt und ist jetzt Marketing Manager. Ihr Job sind vor allem Projekte mit Verantwortung, an der Professionalität und Berufserfahrung der 31-Jährigen braucht niemand zu zweifeln. Im Büro, ganz unter Kollegen, sind ihre Hautbilder kaum ein Thema. Man spricht vor allem über Inhalte und Strategien und ist dabei betont »casual« bekleidet. Dass Stella bunter ist als die meisten anderen Wirtschaftler und Marketingleute in ihrer Umgebung, spielt daher im Berufsalltag keine Rolle. »Wenn man einmal drin ist, geht das«, sagt die Wahlberlinerin. »Aber man muss schon erst einmal mit Leistung glänzen, bevor man anerkannt wird. Und ich denke, dass es in Branchen wie meiner schon von Vorteil ist, wenn dem persönlichen Einstellungsgespräch eine aussagekräftige Bewerbungsmappe vorausgegangen ist, in der man seine Fähigkeiten darlegen konnte, ohne dass zuerst der Blick auf die Tattoos gefallen ist.«

Weniger egal als im Alltag mit ihren direkten Kollegen sind Stellas Tätowierungen etwa bei Projektmeetings mit Beteiligten von anderswo. Gerade in Konferenzen mit Anwälten und Vertrieblern werde sie ab und zu schon mit einer Mischung aus Neugier und leichtem Argwohn betrachtet. Selten hört sie zwar einen Spruch, das kam aber auch schon vor. »Viele auf der Führungsetage sind zwar jung, aber letztlich trotzdem konservativ«, sagt Stella, deren große Tattoos etwa an den Armen und – seit einigen kurzen Tattoosessions in den Mittagspausen der vergangenen Monate – auch an den Fingern nicht mehr zu verstecken sind. Sie könne zwar sicher mit Kompetenz punkten, aber das ein oder andere Vorurteil schwinge bei Kontakten schon manchmal mit. »Tattoos sind kriminell und gehören ins anrüchige Gewerbe – so etwas sagt man heute zwar eher spaßeshalber, aber manch einer hält zumindest unterbewusst offenbar doch noch ein wenig an diesem Gedanken fest.«

Dass sie kürzlich dennoch ihre Finger hat tätowieren lassen, war ein wohl überlegter Schritt. »Ich hatte mir vorher Gedanken darüber gemacht, ob ich mir das erlauben kann«, sagt sie. »Und ich war schon über 30 Jahre alt.« Junge Leute, die noch vor dem richtigen Berufsstart mit sichtbaren Tätowierungen anfangen, kann sie nicht verstehen: »Ich liebe meinen Urlaub, meine Wohnung, meinen Lebensstandard. Das würde ich nicht für ein Tattoo aufs Spiel setzen.«

Das sieht auch Thaias so. Die 23-Jährige ist angehende Uhrmacherin und will nach ihrem lockeren Plan mit 35 nicht nur auf dem Unterarm, sondern auch am Hals und im Gesicht tätowiert sein. Eine Liebeserklärung an ihren Beruf, denn die meisten Tattoos sollen mit Uhren zu tun haben. Entlang des Ohres, vom Haaransatz bis zum Kinn, stellt sich die im Schwarzwald lebende Schweizerin als weiße Tätowierung eine so genannte Geradeauskette vor, also ein ziemlich geradlinig angeordnetes Räderwerk. Es würde zu zahlreichen Uhr-Tattoos passen, die sie jetzt bereits trägt – an Stellen, die sie verdecken kann. »Ich möchte mich erst als Uhrmacherin etablieren, bevor ich mich an sichtbaren Stellen tätowieren lasse«, sagt Thaias. Während ganz allgemein das Handwerk gemeinhin als offen für Tätowierte gilt, hört sich das in Tattooszene wie auch in Mittelstandskreisen differenzierter an: Dass nämlich gerade kleine und mittlere Handwerksbetriebe mit viel Privatkundenkontakt gar nicht so begeistert über Bewerber mit Tinte sind. Dem Vorurteil folgend, ist es eben doch noch etwas anderes, ob ein Bauarbeiter den ganzen Tag mit der Teermaschine den Straßenbelag erneuert oder der Elektriker bei alten Leuten die Sicherung wechseln und dafür in deren Wohnung muss. »Unsere Branche ist da sicherlich auch noch einmal eine Nummer konservativer als andere Berufe«, sagt Thaias, das spüre sie schon jetzt in der Uhrmacherschule Furtwangen: Als sie einmal zu einer bedeutenden Fachmesse fuhr, wurde sie gebeten, ihre bisherigen Tätowierungen unter ihrer Kleidung zu verstecken – was sie auch tat. »Klar, ich hätte mich sicherlich auch widersetzen können. Aber letztlich würde ich mir mit so einer Haltung dann doch nur selbst schaden.« Ihr Berufsstand sei von überschaubarer Größe, man kenne sich, viel spreche sich rum. Und ihrer Erfahrung nach seien die meisten ihrer Kollegen nicht nur wegen ihrer in der Regel sehr klassischen und vermögenden Kundschaft sogar kleinen Tätowierungen gegenüber verschlossen, sondern lehnten Körpermodifizierungen auch aus eigener Überzeugung größtenteils ab. »Ich liebe die Uhrmacherei, aber ich denke, darin sind die Leute noch konservativer als in Banken oder Versicherungen. Es ist einfach ein Beruf, der sehr viel Wert legt auf Tradition. Da benutzt man teilweise noch das Werkzeug des Großvaters und ist stolz darauf. Uhrmacher finden es besser, wenn man ihre Werte in die heutige Welt trägt, als die heutigen Werte in ihre Welt.« Selbst mit ihrem Septum-Piercing eckt Thaias zeitweise an – »zu aggressiv, der ›Muli-Ring‹«, sagt sie. Das Alter spiele für diese Ansichten übrigens kaum eine Rolle: Weil viele Uhrmacher ihren Beruf in langer Generationsfolge ausübten und vielfach zwar sehr sympathische, aber dennoch verschlossene Eigenbrötler seien, hielten auch junge Kollegen die Fahne der Tradition ausgesprochen hoch und verweigerten sich vielem, was ihnen als schrille Mode erscheine.

Im Alltag der Schule oder wenn sie im angrenzenden Deutschen Uhrenmuseum mithilft, deckt Thaias trotzdem keines ihrer Tattoos ab, mit denen sie als 18-Jährige begann. Dort hat man sich inzwischen daran gewöhnt. Es war ein Prozess, der der 23-Jährigen Mut macht für die nächsten Schritte hin zu mehr Farbe: »Ich denke, wenn ich einmal richtig im Beruf bin und die Leute wissen, was ich kann, wird das auch kein Problem mehr sein. Sicher werden die Kollegen das noch komisch finden, aber sie werden es akzeptieren.« Thaias ist klar: Sie wird ein Paradiesvogel sein.

Patti, Stella und Thaias – bei aller Verschiedenheit zeigt sich an ihren Geschichten deutlich, dass Tattoos in den Hintergrund rücken, wenn die Leistung stimmt. Wenn die Schwelle des Bewerbungsgespräches erfogreich genommen ist. Rechtsanwalt Urban Slamal, der als Tattoofan auch dem Vorstand des Bundesverbands Tattoo e.V. angehört, weiß um die durchaus juristisch haltbaren Schwierigkeiten, auf die Tätowierte bei der Berufswahl stoßen können: Wenn nämlich der Arbeitgeber ein berechtigtes Interesse daran habe, das Aussehen seines Mitarbeiters mitzubestimmen, dürfe das Tattoo ein Ausschlusskriterium sein. »Jedenfalls bei Jobs mit Kundenkontakt wird man regelmäßig annehmen dürfen, dass der potentielle Chef das Recht hat, selbst zu entscheiden, wie er sein Unternehmen nach außen hin repräsentiert sehen möchte. Soweit er der Auffassung ist, dass hierbei offen getragene Tätowierungen unpassend sind, mag man eine derartige Einschätzung zwar subjektiv anders beurteilen wollen, wird sie aber schweren Herzen hinzunehmen haben«, erklärt Urban. Im Öffentlichen Dienst seien Tattoos insbesondere bei Uniformträgern problematisch, weil die Uniform gerade den Zweck einer gewissen »Entindividualisierung« des Trägers habe, eine Tätowierung jedoch das Gegenteil bewirke. »Auch wenn es in diesem Bereich in Details Unterschiede zwischen Bundeswehr, Bundespolizei, den Landespolizeibehörden und dem Justizvollzugsdienst gibt, sind in den meisten Fällen größere – über Handtellergröße – sichtbare und durch eine Sommeruniform nicht verdeckbare Tätowierungen ein Einstellungshindernis, und zwar zunächst unabhängig von ihrer Motivik.«

Dass das nicht nur für Behörden gilt, hat Verena leidlich erfahren. In der Schule immer das liebe, blonde Mädchen, waren Tattoos schon früh ihr Ding. Mit 16 holte sie sich ihre erste Farbe – ganz klassisch, das Arschgeweih, inzwischen gecovert. Es wurden mehr und mehr Tattoos. Zugleich begann Verena ihre Ausbildung zur Restaurantfachfrau in der gehobenen Gastronomie, schloss mit Einser-Zeugnis ab. Beste Voraussetzungen für einen erfolgreichen Aufstieg im Gourmetrestaurant – selbst mit einem halbtätowierten Arm und dem bunten Bein. »Ich habe immer dichte Strumpfhosen und lange Blusen getragen«, berichtet sie. »Aber ich konnte mir nicht einmal einen Full Sleeve stechen lassen, weil davon etwas an der Knopföffnung hätte hervorblitzen können.« Als sie sich eines Tages auf eine neuen Stelle bewarb, schnürte sich Verena der Hals zu. Was sie jahrelang ertragen hatte, war mit einem Mal unerträglich. »Ich fühlte mich schon lange gefangen und wollte mich nicht weiter verstellen. Ich konnte nicht mehr. Wollte einfach ich selbst sein. Ich musste da weg.« Das war der Tag, an dem Verena mit ihrem Beruf abschloss.
Über eine Freundin gelangte die heute 29-Jährige an einen Job bei einer großen Modekette. Denen sind deine Tattoos egal, sagte sie. Verena wurde Sales Advisor, beriet Kunden in einem Bekleidungsmarkt. Mit ihrer Arbeit waren die Chefs schnell mehr als zufrieden, sie bekam Schlüsselpositionen, legte sich ein Hand-, dann ein Halstattoo zu, niemand nahm daran Anstoß, stattdessen stieg Verena auf. »Ich überzeuge mit meiner Arbeit«, sagt sie. Mittlerweile ist die in Baden lebende junge Frau in Führungsposition und auch zurück in der Gastronomie. Abends bewirtet Verena zeitweise in einem urigen Brauhaus. »Das brauche ich, weil es mir Spaß macht.« Die Wirte, ein Ehepaar, sind in den 70ern, beide mögen Tattoos nicht. Aber sie mögen Verena. Sie finden, sie ist ein tolles Mädel, und sie macht ihren Job verdammt gut. Verena sagt: »Ich verbiege mich nicht mehr. Ich bin jetzt glücklich.«
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Stand:21 July 2019 09:36:32/editorial/tattoos+oder+karriere_163.html Warning: fopen(cache/063532c37808006761aca6ad379b17b7.html): failed to open stream: No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 160 Warning: fputs() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 161 Warning: fclose() expects parameter 1 to be resource, boolean given in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 162 Warning: chmod(): No such file or directory in /var/www/vhosts/tools.huber-verlag.de/httpdocs/files/trunk/Bootstrap3/files/templates/index_template.inc on line 163